Aufstehen. Es ist 8 Uhr. Ich bin gut drauf. Noch. Ich schalte den Computer an – sozusagen mein Arbeitsweg. Den begehe ich schon, bevor ich meinen ersten Kaffee trinke. „Hallo Computer! Schön, dass wir uns wiedersehen.“, denk ich mir. „Falsches Passwort.“, seine Antwort. Auch er distanziert sich scheinbar von mir. Der Fingerabdruck funktioniert leider seit dem exzessiven Händewaschen nur bedingt und das Passwort ist so lang, dass früh morgens schon mal Fehler passieren. Ich schiebe es beiseite und gehe in die Küche.

Während die Kaffeemühle ihr morgendliches Sonett singt – es geht ungefähr so: „brrr, brrr, brrr – brrr, brrr, brrr“, literarisch nicht sehr wertvoll, aber es reimt sich zumindest – verschwindet endlich diese nervtötende Stille. 5 Minuten dauert es, bis auch meine Kaffeemaschine in die Gänge kommt. Die Sojamilch ist aus. Ein schwarzer Tag – also für den Kaffee. Sonst ist es ein Tag wie jeder andere. Leider. Völlig gefühlskalt nehme ich diese unerwünschte Abwechslung der Routine zur Kenntnis und setze mich zu Tisch. Ich denke über das Wort Tisch nach. Wenn mein Kopf dagegen schlägt, tut es weh. Das bedeutet folglich, er ist hart. Vielleicht daher auch das T in Tisch. Wenn er weich wäre, hieße er wahrscheinlich Disch. Egal.

Die Zigarette ist schnell gerollt. Bei all der frischen Luft durch weniger Verkehr darfs mal eine mehr sein. Also rolle ich – während ich noch die erste rauche – gleich eine zweite Zigarette. „Wo ist mein Feuer jetzt hin?“, frag ich mich. Dann frage ich nochmal laut. Ich höre mich selbst fragen. Eine menschliche Stimme – wie schön. Mein Blick wandert durch die Küche. Kein Feuerzeug da. Hm. Nachdem gerade kein anderer Mensch in meiner Wohnung ist und auch schon lange nicht mehr war, kann ich wohl die Schuld nur bei mir selbst suchen. Im Kopf die Frage: „Was suche ich zuerst, Schuld oder Feuerzeug?“

Ich setze mich zur Arbeit. Korrekturlesen. Ein Beitrag über Sex. War schon lang nicht mehr. Ich blicke zu meiner rechten Hand und denke mir: „Hallo, rechte Hand! Gut siehst du heute aus!“ Die ungeschnittenen Fingernägel sind quasi die künstliche Haarverlängerung der Selbstbefriedigung – ich rede es mir zumindest ein. Beruhigend für mich, dass Hand wenigstens einen weiblichen Artikel hat. Nach der Erledigung der Stressreduktion durch gezielte Massage öffne ich leicht frustriert Tinder. Nein, nein, nein, nein. Mir fällt auf, dass Tinder in befriedigtem Zustand ziemlich unbefriedigend ist. Plötzlich gefällt mir kaum mehr eine Frau. Ich notiere es mir für die Zeit nach der Quarantäne mit den Worten „Masturbieren vor dem Tindern erhöht die Chance auf wahre Liebe um einen nicht näher definierten Prozentsatz.“

Kaffeepause. Wie gesagt, es ist ein schwarzer Tag. Aber nicht für mein Konto, da sind die Zahlen leider rot. Wenigsten reicht das Geld noch für einen Einkauf – oder besser gesagt der Überziehungsrahmen. Im Geschäft stehe ich vor dem Regal. „Hey Sojamilch“, denk ich mir. Sie so: „Jo, ya!“ Nein, das ist leider keine echte Antwort, Joya ist ihr Markenname. Es ist womöglich trotzdem die persönlichste Unterhaltung, die ich heute führe. An der Kasse klebt mir der Hintermann fast am Rücken. Ich spüre seinen Atem. Ich habe Angst davor, mich umzudrehen und dem Schrecken ins Gesicht zu blicken. Denn es ist das Zärtlichste, was mir seit Tagen widerfahren ist, und ich möchte diesen Moment nicht zerstören.

Wieder am Schreibtisch blicke ich wehmütig aus dem Fenster. Ich habe Hunger. Leicht lethargisch schleppe ich mich in die Küche und öffne den Kühlschrank. Das Bier lacht mich an. Ich lächle zurück. Es ist eh schon vier am Nachmittag. Eines geht da schon. Aus dem einen werden ganz schnell drei. Vollrausch auf leeren Magen. Ich entscheide mich, doch etwas zu kochen. Nachdem ich alles vorbereitet habe, gehe ich ins Bad und schaue mich im Spiegel an. Ich verliere mich etwas. Meine Sicht wirkt getrübt, als würde sich ein Schleier vor meine Augen legen. Langsam realisiere ich, es ist Rauch. Ein schwarzer Tag – auch für die Gemüselaibchen, die ich ganz allein in der Pfanne zurückgelassen habe.

Nach dem nicht sehr schmackhaften Essen höre ich draußen lautes Klatschen. Der Uhrturm der Quarantäne. Unmotiviert schlage auch ich meine Hände aneinander. Nach ungefähr 2 Minuten wieder Stille. Das Highlight des Tages schon vorbei? Plötzlich eine Nachricht von meinem einzigen wöchentlichen Kontakt – mein weiblicher Corona Buddy, mein Freundin- Ersatz und vermutlich der einzige Grund, warum ich mir noch nicht die Kugel gegeben habe. Eigentlich wäre erst morgen der Tag der Tage, aber sie schlägt heute vor. Soll mir mehr als recht sein. Dort angekommen das übliche Spiel – Alkohol, Alkohol und noch mehr Alkohol. Kein Sex, das ist unser Vorsatz. In Zeiten sozialer Isolation nicht sehr leicht umzusetzen, aber einer von uns beiden bleibt meist vernünftig. Obwohl Freundschaft den absoluten Vorrang hat, wird unsere Definition von Sex dennoch mit jeder Woche etwas mehr gelockert. Der unvernünftige Teil des jeweiligen Tages liefert stets einen Anstoß dazu.

Leicht verlegen ob der Geschehnisse des Vorabends trinken wir nebeneinander Kaffee. Kein Wort über das, was passiert ist. Eh okay. Wahre Freundschaft übersteht auch solche Zeiten. Ich packe meinen Kram und mach mich auf den Heimweg. Keine Ahnung, wie viele Wochen diese Quarantäne schon läuft. Es wirkt wie eine Ewigkeit. Und es scheint so, als würde es noch eine weitere Ewigkeit dauern. Zu Hause angekommen, gehe ich sofort zu meinem Schreibtisch. Die Arbeit wartet nicht gerne. „Hallo Computer! Schön, dass wir uns wiedersehen.“, denk ich mir. „Falsches Passwort.“, seine Antwort.