... Da war sie wieder. Zwei Jahre hatte ich es geschafft, sie zu meiden; viele Gelegenheiten ehrlicher Leidenschaft hatte sie mich gekostet. Und sie tat es erneut.

(Text aus dem Jahr 2016) Der extrem bittere Beigeschmack des ersten Schluckes schien mir derart selbstverständlich, dass ich es übergangen hatte, mein Bier genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei Hopfengetränken bin ich für gewöhnlich wählerischer und reagiere allergisch auf komische Geschmacksnuancen, doch in diesem neuen Lokal dachte ich, das Bier hier sei nun mal so penetrant im Geschmack. Die Marke kannte ich zumindest noch nicht. Während ich weiter verhalten an der Bar lehnte und Schluck für Schluck widerwillig in mich hineingoss, verschwanden meine zwei Freunde auf der Tanzfläche. Beobachten, abwarten und die Lage prüfen, war mein Credo. Die äußerliche Ruhe, die ich ausstrahlte, war vorgespielt; innerlich durchdrang mich eine immense Unsicherheit. Nach langer Klubabstinenz kam ich mir im Getümmel der aufgeregten Gesellschaft verloren vor. Jeder wusste, wo sein Platz war; ich als Fremdkörper, der in der Masse unterging; wie ein starrer Stein, der vom reißenden Fluss umspült wird, ohne die gleichmäßige Bewegung des Wassers zu stören. Der Fisch schlug am Eröffnungstag ein wie eine Bombe und das Einzige, das von der Druckwelle nicht erfasst wurde, war ich. Was für ein Langweiler. Die letzten Jahre hatte ich damit verbracht, in beliebigen Spelunken dem Trinkgenuss nachzugehen. Alleine. Die meisten meiner Freunde hatten sich in einem Umfeld bewegt, das ich mittlerweile mied. Mir blieb die Zweisamkeit mit dem Frust über die Vergangenheit. Danke Fotze.

Okay, machen wir halt mit

Aufblitzen weißen Lichtes begleitete den Rhythmus des Basses. Für kurze Momente ergab sich die Möglichkeit, die Gesichter in der Menge wahrzunehmen. Ein schönes darin zu finden, schien wegen der beschränkten Sicht schier unmöglich. Dabei hätte ich ein sanftes Wesen gerade gerne erblickt. Ich bin ein Ästhet und liebe das Schöne.
Meine stationäre Haltung gab ich trotz fehlender Sicht auf die ansprechenden Damen nicht auf. Da hatte ich mich entschieden gehabt, die Vergangenheit ruhen zu lassen und meine Füße auf das Parkett der angesagten Gesellschaft zu setzen, und dann landete ich im dunkelsten Nachtklub, den man sich vorstellen konnte. Scheiß Trend – in absoluter Anonymität dem Nachtleben frönen. Scheinbar war einzig ich dumm genug, mich der Barbeleuchtung auszusetzen. Als ich die Kellnerin beobachtet hatte, wie sie wegen eines über die Bar vergossenen Drinks in Hektik verfiel, begann ich das eine Bier zu spüren. Verschwommene Sicht. Die Überlegung ein weiteres zu bestellen, verwarf ich. Mir kam das Gefühl, das mich überkam, bekannt vor und ich wusste, dass Bier alleine das nicht zustande bringt. Meine Vermutung lag bei Martin, der die erste Runde spendiert hatte. Es half in jedem Fall meine Hemmungen abzulegen, was ich daran bemerkt hatte, dass mich meine unbeholfenen Schritte langsam in Richtung Tanzfläche trugen.

Im Bann der Schönheit

Wie eine Motte vom Licht wurde ich vom violetten Schimmern tiefschwarzer, langer Haare angezogen. Einen Blick von vorne erhaschen; der zügellose Drang nach visueller Befriedigung trug mich näher zur Frau, der diese Haare zugehörten. Schritt um Schritt wurde die Sicht klarer. Während sie sich zur Musik räkelnd mit ihrer rechten Hand durch die Haare fuhr und sich für einen Augenblick zu mir drehte, schien es, als bliebe die Zeit stehen. Zwei Leben prallten aneinander. Ein Moment intensiven Anstarrens. Es entlockte ihr ein Grinsen. Ich weiß nicht, wie sich mein Mund verhalten hatte – grinste ich, sah ich ernst aus? Es war um mich geschehen und innerlich wollte ich das auch zeigen.
Das beruhte ihrem Benehmen nach auf Gegenseitigkeit. Die Drehungen in meine Richtung nahmen zu. Jedes Mal trafen sich unsere Blicke. Diese freche Art, das Zuwenden und sich Wegdrehen, machte mich wahnsinnig. Mit jedem Bissen ihrer Schönheit stieg das Verlangen nach ihr. Ich war hungrig geworden; hungrig nach ihren Händen mit den rot lackierten Fingernägeln, ihren blassen, schmalen Lippen, ihrem durchdringenden Augenaufschlag und nach ihrer zierlichen Figur.

Ich entschied mich größere Schritte zu machen –  der Entschleunigung meiner Wahrnehmung entgegentreten. Satt zu werden, hatte ich nicht vor; ich glaubte nicht, dass dies möglich wäre. Dem Trieb von ihr zu naschen gab ich trotz der Aussichtslosigkeit auf Sättigung nach. Wie von einer Sucht getrieben, trachtete mein Körper nach ihrem Geruch; meine Lunge wollte ihre Pheromone atmen. Meine Hände hielten sich bereit für leidenschaftliche Zärtlichkeiten an ihrer weichen Wange. Sie wollte es auch. Ich sah es in ihren Augen. Die menschliche Distanz war überwunden, die örtliche war gering genug, um in Sekundenschnelle an mein Ziel zu gelangen. Die erste Sekunde war vergangen und dann kam Molly.

Molly schlug zu

Fuck You! Ein Stoß von rechts. Mich packte eine Hand am rechten Oberarm und zwang mich zu einer Drehung. Eine zweite griff meinen linken Arm und zusammen drückten sie mich an die Wand. Da war sie wieder. Zwei Jahre hatte ich es geschafft, sie zu meiden; viele Gelegenheiten ehrlicher Leidenschaft hatte sie mich gekostet. Und sie tat es erneut. Sie küsste mich. Ich fühlte mich vergewaltigt. Während ich versuchte zu fliehen, presste sie ihre Lippen fester an meine. Die Kraft ihrer Arme wäre überwindbar gewesen, die ihrer Zunge nicht. Es war falsch, es war sowas von falsch. Molly war vor Jahren von mir wegrationalisiert worden und dann trat sie mit einem Knall wieder in mein Leben. Innerlich zerrissen, ließ ich es zu. Beflügelt vom vergangenen Verlangen, mehr von ihr zu bekommen, begann ich, dem Spiel des Speichelaustausches aktiv beizuwohnen. Ich hatte es mir so lange gewünscht. Sie nahm meine Hand und presste sie sich an ihr Gesäß. Es fühlte sich gut an; wie bestimmt für ihren Arsch. Meine Atemzüge verlangsamten sich. In meiner Lunge begann sich das Leben zu entfalten. Wie neugeboren, als würde ich den Hauch eines Atems das erste Mal auf meiner Haut spüren. Es kribbelte, wie das zarte Vibrieren einer ausklingenden Glocke. Gänsehaut. Mein Körper fühlte sich leichter an; als würde ich mit meinen Sohlen knapp über dem Boden schweben. Unantastbar für die höllischen Qualen, dem Himmel ein Stück näher.

Molly schliff mich auf die Tanzfläche. Es war ihr gelungen. Sie schlug mit voller Wucht zu und zog mich zurück in ihren Bann. Blind vor falscher Liebe entschwand ich der Realität. Meine Arme bewegten sich wie von meinem Körper losgelöst zum Takt. Die schwarzhaarige Frau war schnell vergessen. Ich versank in der Musik. Ich war die Musik. Trotz meiner ruckartigen Bewegungen verfiel ich in einen meditativen Zustand. Rastlos und zugleich gewogen in vollendeter Ruhe. Ich schloss meine Augen und strich mir mit meinen Händen genussvoll über das Gesicht.

Das böse Erwachen

Als die letzten Finger mein Kinn verlassen hatten, war alles verflogen. Aus dem Gefühl, die Zeit bliebe stehen, entwickelte sich ein rasantes Vorbeiziehen der Wirklichkeit. Draußen war es hell geworden. Stunden waren dahin. Ein Stechen in meinem Kopf. Ich schloss die Augen, um sie sofort darauf wieder aufzureißen. Molly war weg. Es begann mich zu recken. Ich brauchte dringend Wasser und frische Luft. Ein beklommenes Gefühl und ein Kloß im Hals erschwerten mir das Atmen. Ich war zurück am Boden der Realität. Meine Füße glichen einem Betonklotz, den ich mit aller Kraft zu bewegen versuchte. Langsamen Schrittes verließ ich den Club, während ich das Gefühl nicht loswurde, alle Blicke wären auf mich gerichtet; vorwurfsvoll. Ich hatte mich der Schande hingegeben. Die Stufen an das Tageslicht glichen dem Aufstieg in den Olymp der Versager. Bedeckt von den Strahlen der aufgehenden Sonne waren die dunklen Schatten meines Gemüts für die Außenwelt nicht wahrnehmbar. Ich spürte die Dunkelheit. Sie umklammerte mich. Wo zuvor noch der starke Einzelkämpfer stand, war diese weinerliche Figur erschienen. Gepeinigt von den eigenen Erwartungen, enttäuscht von meiner Naivität. Ich hatte meinen Freunden vertraut; oder wurden sie von dir getäuscht? Verdammte Schlampe. Und ich hatte der Versuchung nachgegeben. Ich bin darauf reingefallen. Auf dich. Die unerwiderte Liebe zerrt jeden Tag an mir. Fahr doch zur Hölle! Aber nimm mich mit!