In unserer Welt bedeutet normal zu sein, wenn du dich den Dingen beugst und alles hinnimmst, wie es ist. Ich bin das krasse Gegenteil. Aber alles zu hinterfragen kann auch mühsam und zehrend sein. Manchmal wäre ich gerne dumm und einfach.

(Mai 2019) Es ist meine gefühlt hundertste Sitzung in der Therapie. Gerade plagt mich ein Tief. Ich habe die letzten Tage damit verbracht, die Stunden verstreichen zu lassen. Ich stelle mir viele Fragen. Womöglich dumme Fragen. Aber die gibt es ja angeblich gar nicht. Innerlich ärgere ich mich in solchen Momenten über die fehlende Produktivität. Ich sitze da. Mein Blick wandert durch meine Wohnung auf der Suche nach Motivation. Ich will das Leben spüren, stattdessen spüre ich nur eine große Last. Rausgehen will ich nicht – in der Wohnung bleiben noch weniger. Dienstag habe ich einen Fixtermin. Er rettet mich aus diesem Loch.

So sitze ich wieder auf der Couch meines Therapeuten. Von den momentanen Problemen rutschen wir in ein anderes Thema ab. Die Vergangenheit. Wie gerne lasse ich sie ruhen. Hier grabe ich sie immer wieder aus – gezwungenermaßen. Viel Frust, viel Ärger kommen hoch. „Was wäre, wenn ich das damals nicht so gemacht hätte.“ In meinen Teenagerjahren habe ich viel Scheiße gebaut. Mein innerliches Durcheinander habe ich nach außen getragen. Ein Selbstzerstörungswahn, der, sollte mir der falsche auf dem Weg begegnen, auch Unschuldige erwischt hat. Naja, ganz unschuldig waren sie nie. Wer Frauen belästigt, hat es verdient, die Grenzen kennenzulernen. Doch habe ich es mit dem Aufzeigen von Grenzen maßlos übertrieben. Damals ist es mir noch nicht klar gewesen, wie sich Depressionen auswirken oder wie ich damit umgehen kann. Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass ich depressiv sein könnte. Aber vieles sprach damals schon dafür. Irrsinnig leichte Reizbarkeit, aufkommende Aggressionen und das Bedürfnis mit aller Macht aus dem Gefühl ausbrechen zu wollen. Das alles hat mich dazu veranlasst, die Gefühle falsch zu kanalisieren.

Druck verstärkt die Depressionen

Ohne die schweren Zeiten hätte ich natürlich nie diesen Weg eingeschlagen. Viel Positives ist daraus zu ziehen. Die depressiven Phasen finden seit langem schon ihren Ausdruck in Kreativität. Sie fördern mich. Doch manchmal gibt es Wochen wie diese. Wochen, in denen ich jeden Moment verabscheue; ich mich selbst hasse; ich alles um mich herum hasse. Mein Therapeut greift ein. Suchen Sie nicht immer nach einem Schuldigen. Sie sind wahnsinnig reflektiert und nachdenklich, aber manchmal machen Sie sich einfach zu viele Gedanken.“ Die Bürde des Denkens – wenn viel im Kopf passiert, kann dich auch vieles ficken.

In der Tat resultiert ein großer Teil meiner Entwicklung genau aus diesen Gedanken. Mein Therapeut hat recht, wenn er sagt: „Das Los, das Sie gezogen haben, ist ein schweres, doch haben Sie auch viel dadurch errungen.“ Ich kenne mich und meine Fehler sehr gut. Aber ich kenne auch die Schwierigkeiten, die Probleme. Jetzt bin ich doch fast 30 und wo stehe ich? Zudem ist es schon immer so gewesen, dass meine Familie große Hoffnungen in mich setzt. Freunde genauso. „Du bist ein brain, mach endlich was draus!“ Leichter gesagt als getan. Das Paradoxe an meinem Leben ist, dass ich das in den Hochphasen genauso glaube, das aber während meiner Tiefs für vollkommenen Blödsinn halte. Somit breche ich die Wege ab, die ich begonnen habe. Reiße alle Brücken ein. Und lieg wieder da und bemitleide mich selbst, was die Depression verstärkt.

Warum Therapie so wichtig ist

„Legen Sie sich selbst nicht so einen Druck auf. Sie sind der, der am Meisten von sich selbst erwartet.“ Ich bin etwas skeptisch. Ich erwarte mir etwas von mir selbst? Was denn? Dass ich einmal ein Wochenende ohne ausschweifende Partyeskapaden als selbsttherapeutische Maßnahme verbringe? Oder dass ich mit meinem Job mindestens 3000 € verdiene? Ja, vielleicht erwarte ich mir das. Vielleicht enttäusch ich mich auch immer wieder selbst. „Gemessen an Ihrer Vergangenheit sind Sie jetzt schon sehr weit gekommen.“ Bin ich das? Ich denke zurück. Die Jugendjahre. Katastrophe. Ein Leben im vollkommenen Chaos. Zahlreiche Umzüge. Es hat keine Stabilität gegeben, alles durcheinander. Eine Mutter, die nicht mal ihr eigenes Leben richtig auf die Reihe bekommt. Dann bringt sie noch einen neuen Mann ins Leben, der im gesamten ein Problemhaufen ist. Das belastet die gesamte Familie. Einzig meine damalige Freundin hat mir einen Lichtblick verschafft und mich letztlich nach Wien gezerrt. Ein entscheidender Punkt in meinem Leben.

In der Vergangenheit habe ich stets die Schuld bei anderen gesucht, aber allmählich gelernt, selbst Verantwortung zu tragen. Die Erkenntnis, dass eine Krankheit da ist, man ihr aber nicht unbedingt erliegt, besteht aus vielen tausend kleinen Schritten. Der erste ist die Einsicht. Ein weiterer, dass es tragischer klingt, als es wirklich ist. Und der wichtigste davon heißt Therapie. „Sie können nicht jeden Tag voll und ganz da sein.“ Ein entscheidender Satz, der häufig fällt. Denn andauernd verlange ich von mir selbst, in meiner besten Version zu existieren. Das kann nur zu Enttäuschung führen. Niemand ist perfekt, doch viele erheben diesen Anspruch. Mein Therapeut holt mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen.

Wann die Depression was Gutes hat

Die größte Herausforderung für mich liegt darin, mir selbst eine Phase einzugestehen. Solange ich mich dagegen wehre, werde ich ihr auch erliegen. Bewusstsein ist das A und O. Sobald ich mir bewusst bin, wie gerade mein Gemütszustand ist, kann ich damit umgehen. Und das gilt nicht nur für vermeintlich Kranke. Es gilt für jeden von uns. Denn in Akzenten spielt die Bipolarität bei jedem von uns eine Rolle. Deshalb sehe ich mich selbst auch nicht als krank. Ich sehe das so: Die Wellen, die mein Leben schlägt, sind weitaus höher als die von manch anderen. Aber mit einem Surfbrett und ein bisschen Übung kannst du mächtig Spaß haben.

Ich verlasse die Therapiesitzung. Während ich die Josefstädterstraße stadteinwärts entlang spaziere, merke ich, wie mein Gesicht wieder ein Lächeln trägt. Obwohl ich tief im Inneren gerade grundlos traurig bin und es keinen Antrieb gibt, bäumt sich Tatendrang auf. Die Fragen haben sich geändert. Nicht mehr so sinnlos. Ich frage mich nun, welches Werkzeug gerade das beste ist, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Gitarre. Und so setze ich mich hin und spiele ein paar Stunden. Ich erschaffe neue Welten, breche aus meiner Tristesse aus und fühle mich danach wie neu geboren.

Als kleiner Nachtrag: Therapie macht für jeden Sinn, denn gewisse Entwicklungsschritte kannst du nicht alleine machen. Solltest du Interesse an sowas haben, schreib mir – ich helfe gerne bei der Informationsbeschaffung.