Lang hat man nichts von mir gelesen. Es war eine lange Phase. Eine gute Phase. In guten Phasen schreibe ich kaum. Oder gar nicht. Warum auch? Da lebe ich lieber, als mich mit dem ganzen Dreck zu beschäftigen. Mit jenem, der mich umgibt. Aber auch dem in mir drin. Gefühle sind ja bekanntlich nicht so mein Ding. Aber lasst uns mal über Gefühle reden.

Gestern Nacht war wieder einmal eine schlaflose. Wälzend. Hin und Her. Der Kopf kreist um einen vergangenen Fehler. Zuvor kein Bewusstsein dafür. Aber heute Nacht plötzlich schon. Damals, kurz nachdem meine Großmutter starb, also ganz kurz bevor auch meine Mutter folgte, war ich wohl typisch Mann. Also so, wie man ihn aus den 60ern oder so kennt. Ein Fehler auch in meinem System. Eine absurde Eigenschaft. Überrationalisieren, statt Emotion zu zeigen. Gefolgt von knopfdruckartigem Abschalten meiner Empathie.

Ich war traurig als meine Großmutter starb. Oder nein, ich war nicht traurig. Ich hatte es ja nicht zugelassen. Aber eigentlich wäre da Trauer gewesen, hätte ich nicht dem unbegründeten Zorn auf alles und nichts den Platz frei geräumt. Obwohl er nicht so unbegründet war, wohl eher schwer nachvollziehbar. In meiner Sitzung mit dem Therapeuten wurde schnell klar: Nicht ungewöhnlich. Vor allem bei Männern nicht.

Meine Gedanken waren zum Zeitpunkt des Todes meiner Großmutter in Reih und Glied. Klar strukturiert. So sehr, dass sie jedem Angriff meiner Gefühlswelt standhielten. Denn für mich war klar: der Tod wird kommen. Bei jedem. Logisch, oder? Meiner kranken Großmutter war es nicht schwer zu prophezeien, dass es der Tod bei ihr besonders eilig hat. Womöglich für sie sogar erlösend, das Treffen mit dem Sensenmann. Die Gespräche mit ihr ließen das jedenfalls glauben. Somit redete ich mir erfolgreich ein, es sei richtig so. Richtig, dass sie geht. Längst überfällig sogar. Was es mit mir macht, spielt keine Rolle. Egoistisch wäre es sogar, meine Gefühle über ihr Fortgehen zu stellen.

Gefühle gegen Logik – bei mir ein deutlicher Sieg

„Du bist ein empathieloses Arschloch.“ Einer der letzten Sätze, den ich von meiner Mutter zu hören bekam. Damals ging der Satz spurlos an mir vorüber. Fehlte es mir eben an Empathie. Dafür war ich stark. Wie es sich eben auch für einen Mann gehörte. Vieles überdenke ich in meinem Leben, aber es schien mir unglaublich fern, diese Haltung zu reflektieren. So wurde ich erzogen. Zwar nicht von meiner Mutter, aber auf jeden Fall von der Gesellschaft. So musste ich sein. Echte Männer weinen zwar. Aber doch nicht wegen jedem Scheiß. Vielleicht einmal, wenn das Haustier verstirbt. Der treue Gefährte. Aber dann auch nur kurz, damit man ihm die letzte Ehre erweist. Die eine Träne gönnt man ihm. Familienmitglieder halte ich in Ehren, indem ich für die Hinterbliebenen stark bleibe. So mein Gedankengang.

Stets war ich der Überzeugung, dass ich ein sehr sensibler und einfühlsamer Mann wäre. Vielleicht im Vergleich zu den bereits genannten Männern aus den 60ern. Ja, da war ich modern und emotional. Aber dann war da dieses „empathielose Arschloch“, das man mich schimpfte. Dass meine Mutter damit recht haben könnte, fällt mir erst zwei Jahre später auf. Auch erst zwei Jahre später sprach ich darüber in der Therapie. Immerhin hatte ich dieser Aussage bis heute keine größere Bedeutung beigemessen.

Die Geschichte zum empathielosen Arschloch

Nachdem meine Mutter und meine Großmutter ein sehr angeschlagenes Verhältnis hatten, schien es mir fremd, dass meine Mutter traurig war. Traurig wegen eines Menschen, den sie als solchen gar nicht mehr schätzte? Traurig wegen eines Menschen, dessen Tod mehr als nur absehbar war? Es ergab für mich keinen Sinn. Rational. Weil ich es ja auch selbst schaffte, meine Trauer in Grenzen zu halten, obwohl mein Verhältnis ein gutes war. Und meine Mutter war außerdem älter. Sie sollte es ja besser wissen.

Ungefähr einen Monat vor Weihnachten – es war das letzte Mal, dass wir uns sahen – saßen wir beim Kaffee. Sie thematisierte das Begräbnis. Meine Kälte. Ihre Emotionalität. „Alter“, dachte ich mir, „Omas Tod liegt ja schon einen Monat zurück.“ Meine Mum spürte diese Ablehnung. Genau die gleiche Ablehnung, die ich ihr auch kurz nach dem Tod meiner Großmutter entgegnete. Damals schon war das empathielose Arschloch gefallen. Jetzt wieder Thema. Was mich natürlich auf die Palme brachte und ich ihr zu verstehen gab, warum ihre Gefühle überhaupt nicht nachvollziehbar wären. Und warum ich die einzig wahre Umgangsform lebte. Und ja: Empathielosigkeit gepaart mit einer großen Packung Arroganz aus dem Mund eines Mannes ergeben bei einer starken, emanzipierten Frau, wie es meine Mutter war, eine noch offensivere Reaktion. Aus heutiger Sicht vollkommen verständlich. Damals aber eben nicht.

Hinlänglich bekannt ist bereits, dass Männer nach Lösungen suchen und Frauen einfach darüber reden. Ein Umstand, als dessen Teil ich mich nie wahrgenommen habe. Aber doch bin ich es. Immer schon. Obwohl ich weiß, dass ich auch immer bereit war zu reflektieren und Schritte auf mein Gegenüber zuzugehen. Aber immer noch weit entfernt von dem, was nötig wäre. Dass das nicht alleinig ein Problem der Männerwelt ist, liegt sowieso auf der Hand. Immerhin akzeptieren auch Frauen häufig diese Eigenschaft nicht, obwohl sie den Männern eben innewohnt. Manchmal ist eben auch die Lösungssuche der richtige Weg. Manchmal aber die Emotion und Kommunikation.  

Ein Streit entbrannte. Hätte ich eingesehen, dass es nicht darum ging, dass der Tod die logische Konsequenz ist, sondern um Gefühle – es hätte diesen Streit niemals gegeben. Denn darum ging es letztlich. Um die einfache Existenz von Gefühlen. Mehr nicht. Sie wollte nicht einmal, dass ich zu meinen stehe. Obwohl das vielleicht als Mutter sogar legitim gewesen wäre. War ich doch aufgeklärt erzogen worden. Von meiner Mutter. Nicht von der Gesellschaft. Denn da erinnere ich mich noch an eine Situation in meiner Schulzeit, als mich Klassenkameraden mit den Hausschuhen gehänselt hatten. Auf mich einschlugen. Bis ich heulte. Damals 11 Jahre alt. Aber für das Heulen schon zu alt. So zumindest meine Klasse. Man lachte.

Nie anders gelernt, aber dann gezwungen

Am Vormittag mit den vielen ungelesenen Nachrichten noch immer keine Erkenntnis. Obwohl ich nun auch damit konfrontiert war, als empathieloses Arschloch einen weiteren Verlust in meiner Familie verkraften zu müssen. Statt aufzuwachen, so weitermachen wie bisher. Quasi die Ehrenrunde der Verlustbewältigung. Was ich mittlerweile gelernt hatte, in Beziehungen zur Anwendung zu bringen, gelang mir in Bezug auf meine Familie so gar nicht. Absurd.

Mich zu diesem Zeitpunkt damit auseinanderzusetzen, lag mir fern. Denn, was brächte auch das Reflektieren nun? Meiner Mutter kann’s egal sein. Sie ist ja tot. Und ich bin noch hier. Also gibt es meine Zeit noch wirklich. Warum sie also dafür verschwenden?

Was ich lange weggeschoben hatte, holte mich ein Jahr später ein. Statt Logik nun Trauer. Das rein rationale Bewusstsein über ihren Tod und meine rein rationale Akzeptanz reichten wohl nicht. Wie auch? Trauer braucht Platz. Alle Gefühle brauchen ihn. Nur weil ich darüber nachdachte, war ich davon überzeugt, dass ich dem Thema seinen Raum ließe. Tat ich aber nicht. Im Kopf vielleicht. Doch nicht in meinem Herzen, wo die Narbe entstanden war. Wenn sie mir fehlte, dann dachte ich nach. Statt einfach das Gefühl zuzulassen. Oder erst gar zu sehen. Nicht einmal das hatte ich wirklich zugelassen.

Die Therapie als Augenöffner

Das Thema Tod dominierte meine Therapie beinahe ein Jahr lang. Nur der Tod. Nicht die Probleme, die es zuvor gab. Somit weiter keine Gedanken über das empathielose Arschloch. Zum Glück aber über das Verweigern von Gefühlen bei mir selbst. Und je näher ich meiner eigenen Gefühlswelt kam, umso mehr verstand ich auch jene meiner Mutter. So wie ich zu ihr ein gespaltenes Verhältnis hatte, so war es auch ihrerseits mit ihrer Mutter. Und beide hatten wir dennoch das Recht auf Trauer. Immerhin ist da ein Mensch gegangen. Für immer. Und unwiderruflich. Das zu verstehen, war der wohl härteste Part. Dass es nicht einfach eine Auszeit ist.

Die Gefühle anderer stellten für mich so lange kein Problem dar, solange sie nicht mit meinen konkurrierten. Deshalb kam es auch nur selten in Beziehungen aus diesem Grund zu großen Konflikten. Dort hatte ich gelernt, die Gefühle einfach nur zu sehen. Nicht bewerten. Nicht lösen. Aber es war stets mit einer gewissen Form der Anstrengung gekoppelt. Anders programmiert. Anders erzogen. Somit stand ich stets im Kampf mit meinem inneren Kompass.

Dann diese schlaflose Nacht. Und das Gespräch in der Therapie danach. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Dass nicht das Sehen der Gefühle anderer das Problem ist. Denn das tat ich. Wenn auch mit großen Mühen. Tatsächlich war es ich, den ich nicht gesehen hatte. Weil Frauen und Kinder zuerst, wie es so schön heißt. Denn so wurde ich programmiert. So wurde ich erzogen. Männer weinen nicht. Stark und stets ein Fels in der Brandung. Die Schulter zum Anlehnen. So sehr unsere Generation auch im Aufbruch steht, das Programm läuft schon seit Jahren anders.