Die zwei Gesichter einer Liebe
Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis wir uns zum ersten Mal küssten. Dann ging alles ganz schnell. Waren wir zu naiv zu glauben, es könnte funktionieren? Oh, Lea*!

(Ein Unterschied von 2 Jahren, *Name frei erfunden, die Geschichten aber nicht) Abgesehen von den zahlreichen Kurzzeitliebschaften hat es bereits seit sechs Jahren keine Frau mehr in meine nähere emotionale Umgebung geschafft. Die Mauer ist zu hoch. Der Wille dagegen zu stark. Das Abbrechen von Annäherungen beherrsche ich wie ein Profi. Zum alleine Sein verdammt. Ich bin gerne verdammt. Doch dann kommt ausgerechnet sie. Lea ist nicht wirklich Single und ich bin nicht auf Beziehung aus. Ein denkbar schlechter Ausgangspunkt. Und obwohl alles dagegenspricht, ist es um uns geschehen.

Das erste Wochenende

Seit vier Stunden tanzen und laufen wir durch die Pratersauna. Ich zieh sie an der Hand durch den Club ins Glashaus, wo wir uns kurz setzen. Den ganzen Abend schon habe ich widerstanden, Lea zu küssen. Es ist ja nicht erlaubt. Als wir uns auf zwei Hockern gegenübersitzen, halten wir uns an den Händen und genießen den Rausch. Wie an dem Abend, als wir uns kennengelernt haben, versinken unsere Blicke ineinander. In mir massiver Zwiespalt. Ihre Lippen sehen so einladend aus. Ich verliere mich im Gedanken sie zu küssen. Meine Moral schafft es noch, mich loszureißen.

Nach gefühlten Stunden merke ich, wie sie immer wieder etwas näher rückt. Was sie damit sagen will, ist klar. Zwischen uns passt kein Haar mehr. Ein kurzer Gedanke – frei interpretiert – der Klügere gibt nach. Ich missbrauche diesen Spruch und setze an. Als sich unsere Lippen treffen, berühren sie sich anfangs nur ganz zart. Ohne den Mund zu schließen, streicheln sie einander. Ich spüre ihren Atem – ich schmecke ihn sogar. Mit geschlossenen Augen voll und ganz im Genuss wollen wir den allerersten Kuss nicht so recht zu Ende bringen. Noch immer schließen wir die Münder nicht. Der Druck, den Leas Lippen auf meine erzeugen, wird größer. Ich verwehre ihr meine Zunge, was sie sichtlich ärgert. Wie in Wolken gehüllt, fühlt sich mein Mund auf ihrem an. Ich packe sie mit meiner Hand am Hinterkopf und ziehe sie heran, um dem Schauspiel endlich das große Finale zu bescheren, das es verdient hat.

Das letzte Wochenende

Wieder einmal liegen wir bis spät in die Nacht wach im Bett. Lea erzählt mir, dass ich Unsicherheiten gestreut habe. Mag wohl sein, das kann ich gut. Fragen nach der Zukunft. Ich hasse das. Woher soll ich denn wissen, was ich morgen will? Während wir nebeneinanderliegen, wird mir klar, was für ein Arschloch ich gerade bin. Sie muss sich einsam fühlen. Wir haben ja schon zusammengewohnt, jetzt wieder getrennt. Das führt zu Ängsten. Ich drehe mich zu ihr und sage: „Dass mir zwei Tage in der Woche reichen, heißt ja nicht, dass ich dich nicht auch gern öfter sehe.“ Was Zärtlichkeiten betrifft, habe ich mittlerweile gemerkt, dass sie in solchen Situationen unerlässlich sind. „Alles wird gut“ – ich nehme Lea in den Arm und versuche sie zu küssen. Ihre Tränen hindern mich daran.

In meiner Panik, sie zu verlieren, habe ich Zugeständnisse gemacht. Auf jede ihrer Fragen gebe ich die Antwort, die sie hören will. Ich fühle, dass es falsch ist. Aber bei unserem zweiten Anlauf der Beziehung will ich nicht für weitere Ängste verantwortlich sein. Während des zweiten Versuchs habe ich mich mehr bemüht. So auch jetzt. Meine Worte schaffen es, sie zu beruhigen. Die Träne an der Wange wische ich mit meinem Fingerrücken weg. Ich krieche unter ihre Decke und kuschle mich an sie heran. Die Welt ist für den Moment nach außen hin in Ordnung. Doch in mir drin beginnt mein Kopf einen verrückten Film zu drehen.

Das erste Mal zu Gast

So sehr uns die Hemmungen auch in verlegene Momente bringen, die Anziehung ist nicht zu leugnen. Nach unserer ersten Partynacht und einer ausgiebigen Afterhour haben wir uns schnell entschieden. Beziehung – wie ich dieses Wort verabscheue. Lea liegt in meinem Bett. Gefällt mir, wie sie da liegt. Während ich noch unschlüssig bin, ob das nicht überhastet war, scheint sie die Sicherheit zu brauchen. Ich gebe sie ihr. Doch haben wir uns gerade erst ein paar Mal geküsst. Ohne Zunge wohlgemerkt. Intimität bedeutet für mich ganz was Eigenes. Sex okay, Zungenkuss jedoch ist mir zu persönlich. Ich gehe in das Badezimmer, sie folgt mir. Das Wasser hat die Badewanne bereits gefüllt, in der wir uns gleich nackt begegnen werden.

Während Lea ihre Hüllen fallen lässt, überkommt mich noch das Schamgefühl. So schnell ging ich noch nie mit einer Frau in die Wanne. Sex ist etwas anderes, da sieht man nicht gleich alles. Wie perfekt sie ist. Bei ihrem Einstieg in die Badewanne erhasche ich einen Blick auf ihren Hintern. Ich gaffe. Geil. Als sie ihren Prachtkörper in das schaumbedeckte Wasser taucht, fühle ich mich überfordert. Wie soll ich da mithalten? Ich mache alles ganz schnell, damit meine sensiblen Zonen rasch im Schaum verschwinden. Ich sehe sie an. Lea lacht. Sie entlockt auch mir ein Grinsen. Schnell ist die Verlegenheit verflogen.

Das letzte Mal zu Gast

Während Lea und ihre Freundin noch auf der Uni sind, bereite ich mit dem männlichen Gegenstück das Essen vor. Rollentausch. Aber das stört mich nicht. Die gestrige Nacht geistert noch durch meinen Kopf. Einerseits fühle ich mich in der Rolle des liebevollen Freundes wohl, andererseits stehen meine Beine schon bereit, ein letztes Mal davonzugehen. Heute vollziehe ich die Trennung mit Sicherheit nicht. Als ich das letzte Mal gegangen bin, habe ich auch Käsespätzle gemacht. Absurd. Es muss also bis morgen warten.

Entscheidungen sind in meiner Haut immer etwas kompliziert. Mach ich es, weil ich es will? Oder mach ich es, weil eine der Phasen es mir vorgaukelt? Mit vollem Magen liegen wir zu viert auf der Couch und sprechen über Pärchenkram. Es fühlt sich nach zu Hause an. Doch jeder Kuss mit Lea widerstrebt mir. Es kommt mir vor wie eine Lüge. Während ich sie ansehe, fühle ich es nicht. Ich will es aber fühlen. Panik. Habe ich uns all die Zeit belogen, oder kann ein Gefühl einfach so verfliegen? Wir haben die letzten drei Monate so sehr gekämpft und es endlich geschafft, alles aus dem Weg zu räumen und die Vergangenheit zurückzulassen. Ich habe auch meine Liebe mitgeschickt. Teilweise. Sie ist noch irgendwie da. Aber anders.

Das erste Mal

Lea erzählt mir viel persönliches. Dass ich ihr vertraue, fällt mir nicht schwer. Doch ist Vertrautheit sehr oft trügerisch. Vielleicht ist es ja der Schlafmangel, der mich die Welt mit diesen Augen sehen lässt. Wir lachen viel. Sogar während wir uns küssen. Nach einem derartigen Wochenende verspüre ich für gewöhnlich keine Lust, doch als meine Hand ihrer rechten Brust entlangfährt, regt sich was in meiner Leistengegend. Nackt sitzen wir uns gegenüber. Mein Blick wandert über ihre Lippen, während Lea weiter aus ihrem Leben erzählt. Sie fangen mich. Der zarte Glanz, nachdem sie sich mit Lippenbalsam eingeschmiert hat, und dieser Schwung in ihrer Oberlippe. Ich kann nur noch daran denken, sie zu beißen.

Die Zeit zwischen den Zärtlichkeiten nimmt ab. Immer häufiger greifen wir nach unserer Haut, bis wir ganz nah und fest umschlungen liegen. Wie perfekt unsere Körper sich ineinander fügen. Ich spüre jede ihre Bewegungen tief bis in das Knochenmark. Gänsehaut. Der Rhythmus unseres Seins vereinigt sich zu einer gleichmäßigen Bewegung; nicht nur körperlich. Ich will ihr noch näher sein. Doch noch näher sein geht nicht. Ich würde gern in ihr versinken. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, tu ich das auch. Wir tun es.

Das letzte Mal

Der Wahltag gibt mir die Möglichkeit, für eine Weile aus unserer ehemals gemeinsamen Wohnung zu verschwinden. Nachdem wir aufgestanden sind, habe ich versprochen, mich bei den Erledigungen zu beeilen. Eine glatte Lüge. Ich brauche Zeit zum Nachdenken. Die Entscheidung habe ich zwar getroffen, aber die Angst vor der Reaktion ist groß. Oft haben wir darüber gesprochen, wie die letzte Trennung abgelaufen ist. Das will ich so nicht wiederholen. Am Weg zurück beginnen meine Hände stark zu schwitzen. Ich überlege hundert Mal, wie ich beginnen soll. Das Atmen fällt mir schwer. Lea ist gerade duschen, um sich auf einen Sonntagnachmittag mit sehr viel Liebe einzustellen. Noch beschissener mein Gefühl.

Als sie das gemeinsame Essen richten möchte, bitte ich sie kurz um ein Gespräch. Sie weiß noch nichts. Ich weiß alles. Macht kann richtig grausam sein. Statt des geplanten Liebesspiels will ich alles wegwerfen. Ich beginne das Gespräch, schaffe es aber nicht, es auf den Punkt zu bringen. Ich rede um den heißen Brei. Zwei Stunden. Zwei Stunden hin und her. Das Auf und Ab der Gefühle zerreißt uns beide. „Ich will Schluss machen, wirklich jetzt!“ – ein Stich in meinem Herzen, eine Explosion in ihrem. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ich will sie nicht alleine lassen. Ist sie die Liebe meines Lebens? Oft haben wir das gesagt. Ich bin mir nicht mehr sicher. Sechs Stunden Gespräch und vierzig Zigaretten später sagt sie: „Pack dein Zeug und geh!“ Keine Träne hat sie vergossen, ich hingegen tausende.

Solltest du das jemals lesen und ich glaube du tust es: Es tut mir leid, wie alles ablief.