Ein Moment der Einsicht hebt dich auf eine neue Stufe. Doch bis dahin ist es manchmal doch ein langer und schmerzhafter Weg. Einen riesen Stein auf diesem Weg konnte ich durch eine äußerst unangenehme Erfahrung beseitigen – mit bitterem Beigeschmack.

(Ein Samstag – *Namen frei erfunden, die Geschichten aber nicht) Es sind oft schon kleine Herausforderungen, die schlagartig alles verändern können. Ins Schlechte, aber durchaus auch ins Gute. Es hängt nur davon ab, was du daraus machst. Während ich am Fenster sitze und auf die Straße starre, beginnt eine dieser Herausforderungen. Meine Freundin ist seit 24 Stunden weg und nicht mehr erreichbar. Ich quäle mich indes durch grauenhafte Gedanken. Bei jedem Auto, das die Straße hinunterfährt, hoffe ich, dass es Leas* Taxi ist. Der Streit, den wir am Vorabend hatten, ist verhältnismäßig zu vielen anderen belanglos, doch zieht er einen langen Schweif der vollkommenen Ausuferung nach sich. Ich triggere ihre Verlustangst, daraufhin sie meine – mit deutlich mehr Wucht.

Ich ließ sie am Freitag stehen, weil sie eine Grenze überschritten hatte, die ich nicht überschritten sehen wollte. Also bin ich jetzt allein zu Hause. Aufgrund eines Fehlers meinerseits bin ich alleine – so sieht sie es. Ich wohl auch bis zu einem gewissen Grad. Zumindest rede ich mir das ein. Objektiv betrachtet ist ihre Reaktion natürlich vollkommen übertrieben und absurd. Aber der Konflikt in mir spielt jetzt für mich sowieso eine größere Rolle, als jener mit Lea. Denn ich weiß ganz genau, dass ich nur Macht über mich selbst habe. In der Vergangenheit habe ich beim Versuch zu belehren meist die doppelte Härte abbekommen. Und ich weiß – das ist eine Möglichkeit zu wachsen, auch wenn es gerade nicht leicht ist, sich dessen bewusst zu sein.

Jetzt weiß ich, wie sich Eltern fühlen müssen

Am Abend bin ich bereits deutlich nervöser. Seit Ewigkeiten nichts von ihr gehört, niemand weiß wo sie ist und ich beginne, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Was ist, wenn ihr jemand etwas in den Drink gegeben hat? Ist sie vielleicht im Krankenhaus? Liegt sie in einer Gasse und niemand findet sie? Ich schwanke zwischen einer Suchaktion und weiter resignierend am Fenster sitzen. Ich entscheide mich fürs Fenster. Nachdem ich bereits zum tausendsten Mal ihre Nummer wähle, wird aus dem Freizeichen ein „Diese Nummer ist derzeit nicht erreichbar“. Mein Atem bleibt stehen. Gefühlschaos. Einerseits der Gedanke, dass sie mich bescheißt. Andererseits die Sorge, dass ihr etwas passiert ist.

Mich von den Gedanken an sie zu lösen, scheint mir unmöglich. Das Rädchen im Kopf dreht sich unentwegt. Während meine Vernunft und meine Gefühle im unaufhörlichen Kampf um die Oberhand ringen, zermürbt mich das hin und her. Ich müsste schlafen. Mein Kopf hindert mich daran. Ich bin sehr müde. In der Hoffnung, sie könnte jeden Moment die Türe hineinkommen, lege ich mich so auf das Sofa, dass ich den Eingang sehe. Die Ellbogen sind schon ganz wund vom Warten am Fesnter, da ist die Couch eine willkommene Abwechslung. Während ich die Sekunden zählend in unseren Vorraum starre, fallen mir langsam die Augen zu.

Der gefühlt längste Sonntag meines Lebens beginnt

Ein Knall weckt mich auf. Im Glauben, das könnte sie sein, zwinge ich mich im Halbschlaf aufzuwachen. Mit einem verquollenen Blick wandere ich durch unsere Wohnung. Niemand da. Es war wohl der Nachbar, der wieder einmal sehr unsanft seine scheiß Türe geschlossen hatte. Arschloch. Ich hätte noch ein paar Stunden schlafen können, ohne Gedanken an diesen Höllentrip verschwenden zu müssen. Mein Magen knurrt. Essen kann ich aber nichts. Zudem ist es viel zu früh – es ist gerade einmal sieben Uhr morgens. Wow – das waren ganze vier Stunden Schlaf.

Rauchen war immer so ein Thema. Lea wollte nicht, dass ich rauche. Also hatte ich aufgehört. Nicht mehr, seitdem sie weg ist. Das lindert vermeintlich den Schmerz etwas, während ich am Fenster sitze, auf die Straße starre und mich die Gedanken quälen. „Es ist Sonntag früh, wahrscheinlich wird sie bald auftauchen“ – gaukle ich mir selbst vor, um mich etwas zu beruhigen. Mein Körper benötigt sehr lange, um auf Touren zu kommen. Mein Kopf hingegen beginnt mit dem ersten Moment des Wachzustandes in vollen Zügen wieder seine Runden zu drehen. Es wird immer lauter in mir drin.

Ein Lichtblick, der sich schnell verliert

Eine fremde Person versucht mich über Facebook anzurufen. Das muss Lea sein. Ich hebe ab. Für gewöhnlich kommen mir nur sehr schwer die Tränen – Männer sind ja stark – aber als ich ihre Stimme höre, zwingt das Gefühlschaos meine Augen zur Erleichterung. Ich stelle ihr viele Fragen. Sie verspricht, am Nachmittag nach Hause zu kommen. „Ich hatte Angst vor deiner Reaktion.“, sagt sie. Stimmt schon – wenn sie ihre ungeplanten Ausflüge gemacht hatte, konnte ich schon sehr streng reagieren. Doch jetzt hätte ich sowieso keine Kraft mehr gefunden, so hart zu reagieren. Obwohl ich echt sauer bin, gibt mir ihr Lebenszeichen für den Moment ein Gefühl der Sicherheit.

Nach vier Stunden weiteren Wartens erreicht mich von der gleichen Person eine Nachricht. „Lea geht es gut, sie ist noch mit Freunden weitergegangen. Sie kommt am späten Abend nach Hause.“ – was soll die Scheiße jetzt. Auf die Frage, wohin sie geht, bekomme ich keine zufriedenstellende Antwort. Nett. Jetzt bin ich wieder richtig angefressen. Mir auf der Nase herumzutanzen und nicht einmal selbst Bescheid zu geben, enttäuscht mich sehr. Aber ich weiß – nachdem ich viele Bekanntschaften in der Technoszene habe – dass ich bald weiß, wo sie sich aufhält. Dennoch steigt mein Ärger und ich würde sie gerade am liebsten aus tiefstem Herzen anbrüllen – aber sie ist ja nicht erreichbar.

Selbstkontrolle

Ich frage ein paar Leute, die unterwegs sind. Gleich vier davon bestätigen mir, dass sie in der Pratersauna ist.  Ich überlege, ob ich einfach hinfahren soll. Ein Taxi ist schnell gerufen und schon fahre ich um 8 Uhr abends an einem Sonntag in Richtung Sauna. Dort angekommen und samt Eintritt um 30 € ärmer, begrüße ich erst ein paar bekannte Gesichter und suche dann Lea. Im Garten finde ich sie mit ihrem Ex und noch einem Typen. In mir kochts. Am liebsten würde ich den zwei Typen die Fressen polieren – aber was können die in Wirklichkeit dafür. Obwohl ich mich kurz beruhige, kann ich nicht cool bleiben, starte ziemlich harsch zu ihr und sage: „Komm mit, wir werden jetzt mal reden.“ Sie folgt. Wir setzen uns in ein Eck im Garten. Ein paar Minuten Gespräch.

„Lass mich bitte noch zwei Stunden feiern, dann komm ich nach Hause, versprochen.“ Wieder ein Versprechen. Nicht das erste an diesem Wochenende. Ich biete an, separiert von ihr zu feiern. Sie lehnt ab. Eintritt um sonst gezahlt. Lea schickt mich beinhart heim. Das trifft mich sehr hart. Sie hatte ja zuvor gehört, wie fertig mich das Wochenende macht. Ich atme mehrmals durch und versuche mich zu beruhigen. Wohl ist mir nicht dabei, sie hier zu lassen. Ich versuche drüberzustehen und tu es trotzdem. Dieses Mal nehme ich die S- Bahn und fahre heim. Daheim angekommen habe ich mich wieder an das Fenster gesetzt. Wieder in Warteposition.

Zwischen Verzweiflung und Erleuchtung

Ich blicke unentwegt auf die Uhrzeit. Sie vergeht nicht. Die versprochenen zwei Stunden sind schon etwas länger vorbei. Nach vier Stunden ist sie immer noch nicht da. Versprechen gebrochen. Dabei hatte ich ihr doch den Raum gelassen. Ich versteh die Welt nicht mehr. Ich rufe eine Freundin an und bitte sie nachzusehen, ob Lea noch da ist. „Kannst du sie mir kurz an das Telefon holen, wenn du sie findest?“, frag ich sie. Zehn Minuten später der Rückruf. „Willst du mich verarschen? Kannst du jetzt bitte endlich mal deinen Arsch heimbewegen.“ – mir Platzt fast der Kragen. Im Hintergrund höre ich eine Stimme sagen: „Der ist ein Kontrollfreak, würg ihn ab.“ Lea sagt: „Lass mich und hör auf mich kontrollieren zu wollen“, und legt auf.

Nach fünfzehn Minuten des Frustabbauens mit Schlägen in den Couchpolster komme ich runter und beruhige mich. Ich blicke kurz auf meinen Unterarm. Der Stempel ist noch da. Sie wünscht sich stets bedingungslose Liebe, die bekommt sie jetzt. Ich versuche nur ihre Seite zu sehen und meine eigenen Gefühle außer Acht zu lassen. Wenn du einem Menschen entgegenkommst und ihm zeigst, dass du ihn verstehst, ohne deine eigene Verletzung zu beleuchten, nimmst du ihm seine Position im Streit vorweg. Die Defensivhaltung durchbreche ich damit, so glaube ich. Also packe ich mich wieder ein, schnapp mir ein weiteres Taxi und rase los.

Eine Weiterentwicklung mit schweren Folgen

Ich merke gerade, dass ich ungewohnt gelassen mit der Situation umgehe. Für mich kann ich das aber noch nicht in Worte fassen, warum mir das gerade gelingt. An der Pratersauna angekommen finde ich Lea wieder recht schnell. Dieses Mal gehe ich in vollkommener Ruhe hin und sage ihr lieb: „Hey komm, lass uns heimgehen. Ich verzeih dir, egal was passiert ist.“ Sie möchte noch ein bisschen tanzen. Ich lasse sie und mache sogar mit. Nach zehn Minuten etwa erinnere ich sie nochmal. Sie fragt: „Können wir noch bleiben?“. Ein Blick von mir reicht, dann fragt sie: „Können wir wenigstens zu Fuß heimgehen?“ Ich stimme zu, obwohl vom zweiten in den zwölften Bezirk doch ein ordentliches Stückchen zu gehen ist.

Am nach Hause Weg haben wir Zeit zu reden. „Es bedeutet mir sehr viel, dass du noch einmal gekommen bist. Nach Freitag hatte ich nicht das Gefühl, von dir geliebt zu werden.“, sagt sie zu mir und ich versuche weiter, meine Position in diesem Moment vollkommen außer Acht zu lassen. Obwohl ich mir denke: „Alter, was soll ich denken, wenn du 48 Stunden weg bist und mich sogar wegschickst? Du siehst mich nicht, du spürst mich nicht, ich renn dir nach und du weist mich ab. Wer liebt hier wen nicht?“, entscheide ich mich für: „Lass uns das Wochenende vergessen. Ich versteh, dass du verletzt warst und deshalb bin ich hier. Ich bin dir auch nicht böse.“ Gemeinsam gehen wir.

Es dauerte sehr lange, bis sie erkannte, welche Dimensionen dieser Fehler gehabt hatte. Sie sah stets nur, dass ich der Auslöser war, aber nie in welcher übertriebenen Form ihre „Rache“ ausgefallen war. Ich für meinen Teil wusste, dass ich letztlich sehr vieles richtig gemacht habe.  Sich einmal für weniger wichtig zu nehmen, gibt dem Gegenüber das Gefühl, gehört zu werden. Damit konnten wir auch sehr viel Streit umgehen. Es geht ja letztlich nur darum, dass Verletzungen entstanden sind, unwichtig aber, welche die schwerere oder größere ist. Der Machtkampf aber ging dennoch weiter, weil nur ich das scheinbar erkannt hatte. Mir fiel erst spät auf, dass ich genau deshalb irgendwann aufgehört hatte, meine Position zu verlassen. Es war ein einschneidender Moment, an dem meine Liebe begann zu schwinden. Für mich und meine Entwicklung war dieses Wochenende aber ein riesen Schritt nach vorne, während es für die Beziehung ein gewaltiger zurück war.