Es ist kurz vor Weihnachten. Zwei Wochen noch. Die Zeit der Besinnlichkeit und der Harmonie – eh alles nur gespielt. Freundliche Mienen schmücken die Gesichter der gestressten und gequälten Geister. Auch ich mach mit. Keine gute Idee, wie sich herausstellt.

(Dezember 2010, *Name frei erfunden, die Geschichten aber nicht) In der kleinen gemeinsamen Wohnung bereiten wir uns auf das erste Date seit langem vor. Alltagstrott ist eingekehrt. Wie das eben so ist, wenn die Beziehung schon ein gutes Weilchen läuft. Nachdem wir am Nachmittag noch ein paar Klamotten gekauft haben, machen wir uns beide schick. Okay, ehrlich? – Reka* hat sich hübsch gemacht, ich laufe herum wie immer. Das mit der Motivation für gemeinsame Aktivitäten hat bei mir etwas abgenommen. Ich lasse es schleifen. Momentan bin ich generell sehr lustlos.

Der Fehler letzte Woche

(Eine Woche davor) Wir haben den gesamten Tag zu Hause verbracht. Ich sitze am Boden und spiele auf meinem Laptop wieder mal eine Runde FIFA, während Reka halt ihr Ding macht. „Gehen wir dann in die Videothek und holen uns einen Film?“ – ich habe heute gar keine Lust darauf, weshalb ich mit einer Antwort zögere. Momentan habe ich eigentlich auf gar nichts wirklich Lust. „Wir müssen nicht, war nur ein Vorschlag.“ Beruhigt widme ich mich wieder meinem Computerspiel. Stupides in die Tasten Drücken ist in solchen Phasen die einzig für mich sinnvolle Beschäftigung. Reka setzt sich hinter mir auf den Teppich. „Lass dich nicht stören, ich möchte nur in deiner Nähe sein.“

Ich kann es nicht ausstehen, wenn mir jemand über die Schulter blickt. Egal bei was. Ich bin konzentriert, Reka lenkt mich ab. „Ich find deine Ohren einfach total süß, so klein und knuffig.“ Sie beginnt mein rechtes Ohr zu küssen. Reka nimmt es zart in den Mund, beißt leicht zu und spielt mit ihrer Zunge, was mich für gewöhnlich scharf machen würde. Wir haben beide kaum etwas an. Beide oberkörperfrei. Reka kniet hinter mir, mein rechtes Ohr zwischen ihren zarten Lippen. Sie legt noch einen drauf und drückt ihre Brüste an meinen Rücken. Obwohl ich ihre Brüste liebe, können sie mich gerade überhaupt nicht mitreißen.

Reka rutscht auf ihren Knien rechts neben mich. Während sie mit ihrer linken Hand durch meine Haare fährt und daran zu ziehen beginnt, presst sie ihre linke Brust an meinen Mund und blickt mich von oben schelmisch grinsend an. Die Waffen einer Frau. Reka zieht mich richtig heran, darauf wartend, dass ich meinen Mund öffne und in ihren steifen Nippel beiße. Ich sehe es an ihrem Blick. Stattdessen aber bleibe ich regungslos. Mit ihrer rechten Hand fährt sie meinem Bauch entlang in Richtung Unterhosen. Ich lasse es über mich ergehen, denke aber schon über eine Ausweichmöglichkeit nach. Aufspringen. Ich geh auf die Toilette. Als ich zurückkomme liegt Reka schon im Bett, nur mit einem Höschen bekleidet. Ich sehe sie kurz an. So perfekt ihr Körper auch sein mag, es lässt mich kalt. Lustlosigkeit. Ich setze mich wieder zum Laptop auf den Boden. „Was soll der scheiß jetzt?“ Wir streiten.

Denn er wusste nicht, was es war

Seit Wochen schon plagt mich wieder dieses drückende Gefühl. Alles überreizt mich. Die Diskussionen wegen meiner Zurückweisung letzte Woche haben mich völlig enerviert. Aber wir haben jetzt ein Date. Heile Welt. Nach Tagen des Hin und Her habe ich mich entschuldigt und jetzt tu ich so, als wäre alles in Ordnung. Reka auch. In Wirklichkeit bin ich weiterhin genervt, was ich sie aber nicht spüren lassen möchte. Dennoch reagiere ich auf viele Fragen unnötig gereizt. Nicht aggressiv, aber sehr abweisend. „Ja eh“ – die Standard- Antwort.

Für zwei Stunden habe ich es jetzt geschafft, den perfekten Freund zu mimen. Tür aufhalten; Stuhl reichen; Essen teilen; Küssen; Händchenhalten; ihr zeigen, wie sie das Queue besser hält und ihr dabei an den Knackhintern fassen; romantische Blicke während wir am Aperol Spritz schlürfen – das volle Programm. Durch das Vorspielen eines erheiterten Gemüts ist meine innere Stimmung noch angespannter und im Keller. Es wird zusehends schwieriger, das zu verbergen. „Ich bin schon richtig müde“ – sag ich zu Reka, um mich schon vorab zu entschuldigen, dass zu Hause nichts mehr passieren wird.

Der Fehler diese Woche

Wir gehen um die Ecke in die Schleifmühlgasse. Nur noch gut 50 Meter bis zur Wohnung. Eine Anhäufung von betrunkenen Studenten tummelt sich vor dem Four Bells Irish Pub. Grölen. Lautstarkes Balzgehabe. Ich bin schon vollkommen genervt vom Tag und dann muss ich mich auch noch mit meiner Freundin an dem Haufen testosteronverseuchter Trunkenbolde vorbeiquetschen. „Einen geilen Arsch hats!“ – ich merke in mir das Adrenalin aufsteigen. Reka kennt mich. Sie packt mich sofort und versucht mich weiterzuziehen. Eine Hand ragt in ihre Richtung. Ich stoße sie weg.

Mein Reizlimit ist jetzt überschritten. Lauthals provozier ich. „Was wollt’s, ihr Pisser, ha?“ Reka versucht mich weiter wegzuziehen. „Bitte versprich mir, dass du jetzt nichts machst.“ – sie weiß, was ich schon angestellt habe. Würde sich nicht sehr gut in meiner Vita machen. „Nein, du weißt eh, dass ich mich gerade nur aufspiele.“ Wir gehen ein paar Meter weiter. Weiterhin blödes Gerede hinter uns. Einer aus der Gruppe pisst knapp vor uns an ein Auto. Ich überlege kurz. Weiter Gegröl. Ich verlier mich im Gedanken, ihn zu schubsen, damit er sich anpisst. Ehe ich mich versehe, habe ich mich von Reka losgerissen und seinen Kopf an die Windschutzscheibe geknallt. Einen kurzen Moment danach absolute Stille.

Er geht zu Boden und liegt auf der Straße. Ich weiß, dass ich überreagiert habe. „Fuck!“ Die ganze Meute hinter uns startet los und läuft auf mich zu. Ich helfe kurz dem Typen, der am Boden liegt, und ziehe ihn von der Straße weg. Schläge in mein Gesicht. Ich lasse es über mich ergehen. Mehrere Zeugen sehen, wie ich nichts mache. Weiter Schläge. Passanten mischen sich ein. Es dauert zwei Stunden, bis alles vorbei ist und die Polizei alle Beteiligten gehen lässt.

Die Konsequenz

Reka steht in der letzten Ecke unserer Wohnung. „Ich hab Angst vor dir!“, schreit sie mich an. Ich versuche sie zu beruhigen, aber ihr steht der Schock ins Gesicht geschrieben. Sie beginnt mit mir zu streiten. „Wegen dir hatte ich das erste Mal mit der Polizei zu tun. Warum machst du das?“ Ich weiß es selbst nicht. Aggressionen sind nicht wirklich erklärbar. Während ich versuche, ihr diese Aktion verständlich zu machen, merke ich selbst, wie dermaßen absurd die Situation gerade war. Im Gedanken grabe ich nach Ursachen, ich finde nichts.

Seit unserem Vorfall ist Reka anders zu mir. Sie sieht mich mit anderen Augen. Zuvor bin ich stets ihr Beschützer gewesen und jetzt behandelt sie mich, als wäre ich ihr Zerstörer. So hat sie mich noch nie angesehen. Das war neu für mich. Die Krise beginnt zusehends Oberhand zu gewinnen. Ein Jahr läuft das ganze noch, aber nie mehr wieder wie zuvor. Mein Loch, in das ich falle, wird immer größer, meine Reizbarkeit immer leichter erreicht und die Distanz wächst. Es ist mir auf eine gewisse Art und Weise egal. Es ist mir egal was passiert, denn ich bin sowieso schlecht drauf. Mit ihr oder ohne sie.

Erst einen weiteren Vorfall und 3 Jahre später sollte ich herausfinden, woran es lag, dass ich so drauf war. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Auch in meiner zweiten langen Beziehung spielte mein Gemütszustand eine große Rolle.

Anmerkung bezüglich des Textes:
Ihr fragt euch wahrscheinlich, wie ich manche Dinge noch wissen kann. Nicht regelmäßig aber doch habe ich Online Tagebuch geschrieben. Ein paar Jahre später musste ich das sogar im Zuge einer Betreuung zur Stärkung der Selbstwahrnehmung machen. Natürlich sind einige Details, wie wörtliche Reden, nur sinngemäß übernommen.