manisch
Ich wollte doch nur wieder einmal das Leben spüren – mich spüren. Statt in der Menschenmasse unterzugehen, hatte ich endlich wieder das Gefühl aufzublühen. Wenn doch nur nicht immer der Hochmut vor dem Fall käme.

(Frühsommer 2019) Harmlos bahnt es sich an. Ein vermeintlicher Aufstieg; ein Hoch der Gefühle – der Morgen beginnt mit guter Musik und gefühlt zwanzig Tassen Kaffee. Mit der Hüfte schwingend bewege ich mich durch meine kleine Einzimmerwohnung und schließe meine Augen immer wieder für einen Moment, um mich in eine hemmungslose Partynacht zu denken. Was noch kommen wird, offenbart mir dieser Augenblick noch nicht – was ich möchte, weiß ich aber bereits ganz genau.
Meine Trennung liegt gerade einmal sieben Wochen zurück. Eine heftige Trennung. Seitdem ich gekündigt habe, ist auch noch meine zweite Konstante im Leben weg. Ich stehe quasi ganz alleine da. Doch ich verspüre kein Gefühl der Einsamkeit. Stattdessen Freiheit – ein so trügerisches Gefühl.

Große Dinge beginnen ganz klein

Während ich nur in Socken und Unterhosen gekleidet durch die Wohnung tanze, realisiere ich, dass es erst Mittwoch ist. Es fühlt sich an wie Wochenende. Wie auch anders, wenn da kein Job ist, in dem ich bereits frühmorgens die Routine abdrehe. Die immerwährend gleiche Scheiße, um dann gegen 5 Uhr geschlaucht aus dem Büro zu verschwinden und mir einzureden, dass ich eh ein Leben hab. Ha ha ha – das bedeutet also Leben. In den wenigen freien Stunden habe ich die Zeit mit meiner Ex, dem Kochen, einem kurzen Gitarrenintermezzo und zwei Folgen einer Serie, die ich eigentlich überhaupt nicht ausstehen kann, verbracht. Also weitere Routine nach der Routine. Kann schön sein – nicht für mich.

Ich bin also ausgebrochen; frei vom Ballast des von den meisten angestrebten Lebens. Und so tanze ich nun. Aber zu einem guten Tanz gehören immer zwei – oder besser noch – viele. Ein paar Einladungen sind schnell an meine Freunde verschickt. Doch es ist Mittwoch! Welcher „normale“ Mensch hat da schon Zeit? Zum Glück sind meine Freunde nicht normal. Außerdem bin ich gerade erst in die neue Wohnung gezogen – das lockt neugierige Geister.

Tick Tack – Tick Tack

Wenn du nichts zu tun hast, außer ein bisschen Alkohol zu kaufen, vergeht der Tag denkbar langsam. Nachdem ich den Rucksack voll mit Dosen und Flaschen nach Hause gebracht habe, liege ich auf dem Sofa und die Playlist dreht nun ihre zweite Runde. Die Musik beginnt mich anzustrengen. Aber nicht die Lieder selbst. Es ist der Ton – er verkommt allmählich zu einem Einheitsbrei aus nervtötende Klängen, die mich überstrapazieren. Musik aus.

Stille. Ich blicke durch den Raum und höre meine Gedanken rasen. Die Ruhe macht mich wahnsinnig. Das Handy macht es mit einem Drücken leicht, die Stille wieder zu durchbrechen. Es kann doch nicht sein, dass ein paar schöne Klänge meinen Geist mit Reizen überfluten. Doch – ob hypomanisch oder depressiv – Reizüberflutung findet sehr oft statt. Sie fühlt sich nur in den verschiedenen Phasen anders an.

Ich kann mich nicht entscheiden, welches Übel das kleinere ist. Musik? Keine Musik? Halblaute Musik? Musik im Wohn- Schlafzimmer, während ich die Badewanne mit meinen Prachtkörper beglücke? Jackpot!
So liege ich zwei Stunden im Wasser, bis meine Hände jenen einer 60-jährigen Chemie- Fabriksarbeiterin gleichen. Aufgequollen und faltig. Das Kühl des Dosenbieres kann den Schmerz der verschrumpelten Haut nicht mehr lindern, also steige ich aus der Wanne. Mein Blick auf den Handtuchhalter verrät mir, dass ich vergessen habe, die Wäsche zu waschen. Das einzige Handtuch, das sauber ist, besitzt die Größe einer Stoffserviette. Na toll. Und jetzt klingelt es auch noch.

Wie sieht’s mit den guten Vorsätzen aus? Schlecht!

Der harte Kern von vier Leuten liegt verstreut auf meiner Couch. Unsere Kehlen haben bereits einiges an Alkohol verschlungen und die Uhrzeit zeigt 5 Uhr an. Während alle außer mir in Aufbruchstimmung geraten, bekomme ich etwas Panik. Wieder allein? Ich bekomme den Rat, mich etwas hinzulegen, doch mir ist gerade überhaupt nicht danach. Alle drei Freunde packen ihr Zeug und lassen mich zurück – in der kleinen, jetzt auch total verdreckten Einzimmerwohnung. Obwohl ich nicht schlafen gehen möchte, widerstrebt es mir, auch nur einen Finger zu rühren, also gehe ich stattdessen duschen.

Am Abend soll ich auf eine Ausstellung und am Folgetag über sie schreiben. In der Vergangenheit habe ich es schon einige Male Zustande gebracht, schlaflos und vollkommen übermüdet Texte zu verfassen. Warum sollte das dieses Mal anders sein? Während ich den Tag untätig verstreichen lasse, überlege ich schon, was nach der Ausstellung noch ansteht. Ein SASS- Donnerstag wäre eine Möglichkeit.

Einer geht noch

Zu den Klängen von elektronischer Musik versinke ich in einen Tanz mit den Hochgefühlen. Der Bass erzeugt einen Zustand der Trance. Um mich herum bewegen sich alle im gleichen Rhythmus und auch das Licht und die Dunkelheit bewegen sich mit. Verloren – nicht orientierungslos, sondern auf eine schöne Weise. Zeit spielt keine Rolle. Geld auch nicht – aber das werde ich noch bereuen.
Nach einer gefühlten Stunde gehen bereits die Lichter an. Ernsthaft? Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass es in Wahrheit fünf waren. Das Sass macht zu. Ich möchte noch nicht heim; nicht jetzt; nicht wenn ich mich gut fühle. Wo gibt es eine Afterhour nach der Afterhour? Wenn es keine gibt, mach ich einfach eine.

Mit meinem Kumpel und einem Mädchen im Schlepptau marschieren wir dem Naschmarkt entlang. Totenstille. Noch niemand wach. Aber die Sonne lacht uns ins Gesicht, als hätte sie es nicht erwarten können, uns zu sehen. Die Kälte der Übernachtigkeit wird vom sanften Warm der Sonnenstrahlen überdeckt. So fühlt sich Leben wirklich an. Jeder Schritt gibt mir für den Moment das Gefühl zu schweben. Ich fühle mich unbesiegbar.

Hochmut kommt vor dem Fall

Nach vier Stunden blanken Wahnsinns in meiner Wohnung verlassen mich die nächsten Weggefährten. Beide ziehen sich wieder ihre Unterwäsche an, die gebrauchten Kondome – einschließlich meiner – haben sie netterweise noch weggeräumt und wieder knallt die Tür. Erneut allein. Doch an einem Freitag halb so schlimm. Die nächste Party steht vor der Tür.
Unter der Dusche befrei ich mich vom Schmutz der Nacht. Das beklemmende Gefühl der Scham aber bleibt. Schön langsam beginnt meine Wahrnehmung stichartig auszusetzen und die Realität scheint zu verschwimmen. Ich lege mich ins Bett und starre aus dem Fenster. Während die kleinen Wolkenfetzen vorüberziehen, fallen meine Augen zu.

Ein kurzer Augenblick – völlig verschwitzt finde ich zurück in den Wachzustand. Die Decke macht mich aggressiv. Ich wirble mit den Händen und Füßen, bis mein Körper diese Last verliert. Aufsitzen und nach Wasser suchen. Im ersten Moment habe ich gedacht, die Jalousien wären geschlossen, doch es ist bereits dunkel geworden. Zwei Tage wach, eine unerholsame Nacht und ein Level an Aggressionen, der mich am liebsten ein Haus samt all seinen Bewohnern in die Luft jagen lassen würde.

Was habe ich schon wieder gemacht? Die eiskalte Ernüchterung und die Erkenntnis, was die letzten zwei Nächte passiert ist, sind ein Schlag ins Gesicht. Mit einem leichten Grinsen blicke ich zurück, doch eigentlich bereue ich es. Ich bereue, dass ich nicht erkannt habe, was passiert. Hallo, Manie. Und: Mit dem Moment der Erkenntnis ist der erste Schritt in die Depression schon getan.