Das eigene Glück von jemand anderem abhängig machen? Das sollte man niemals tun. Erst recht nicht, wenn endlos scheinende Tiefs ständige Begleiter in deinem Leben sind. Mit einem Moment bricht alles zusammen, sobald dieser jemand wegbricht. Statt rationaler Gedanken voreilige Entschlüsse. Entscheidungen, die nicht nur einen selbst des Lebens berauben, sondern auch vielen anderen für längere Zeit die Freude daran nimmt. Absurd. Freude am Leben – etwas, das mir in solchen Phasen so fern erscheint. Dennoch sind sie es, die mich aus zweiter Reihe zurückholen.

Hast du den ersten Akt verpasst? Dann findest du ihn hier.

(Beginn im Jahr 2004 und zieht sich bis heute, aktuelle Geschichte zu Beginn des Jahres 2008 – *Namen frei erfunden, die Geschichten aber nicht) Mit Stella* war alles etwas schwierig. Zwei wahnsinnig unsichere Menschen, die aufeinandertrafen. Bei jeder leichten Unebenheit ein starkes Auseinanderdriften. Wir hatten uns immer wieder die Hand gereicht. Doch ein falsches Wort und die Hand war weg. Von beiden. Ich war oft verwirrt. Wusste nicht, was das Richtige war. Statt ich zu sein, wollte ich perfekt für sie sein. Ihr ging es – so schätze ich – nicht anders.

Doch diese Kombination hatte immer wieder für Ausrutscher gesorgt. Ich weiß nicht mehr, wer damit begonnen hatte. Aber ich weiß noch ganz genau, warum ich ihr dann den Rücken kehren wollte. Es war unser Stammlokal. Dort, wo wir uns kennengelernt hatten. Dort, wo wir viele gemeinsame Abende verbrachten. Sie wusste nicht, dass ich komme. Ich wusste nicht, dass sie dort war. Ein Missverständnis zwischen uns verlieh dem Tag wieder viele Unsicherheiten. Wir hatten geschrieben. Darüber, dass wir verliebt wären. Doch bei keinem kam es richtig an. Ich hatte Angst. Sie auch. Verzwickt, obwohl doch etwas Positives dahintersteckte. Wir brachen ab. Für den Moment.

Als ich dann am Abend in unser Stammlokal ging, saß sie auf dem Platz direkt hinter dem Tischfussballtisch. Sonst saßen stets wir dort. Ich sah sie an. Etwas traurig sah sie im ersten Moment aus, doch aus ihrem enttäuschten Gesicht wurde schnell ein gespieltes Lächeln. Typisch. Sie war nach außen hin oft so notorisch glücklich. Wie ich das gehasst hatte. Weil ich wusste, dass sie richtig traurig war. Sie nahm mir die Möglichkeit, für sie da zu sein.

Der Schritt zu viel

Während wir uns ignorierten, begann sie sich einem anderen Typen zuzuwenden. Ich spielte Tischfussball und sie flirtete provokant hinter meinem Rücken – also wirklich hinter meinem Rücken, nicht im übertragenen Sinne. Ich spürte es. Unaufhörliches Unbehagen. Sollte ich einschreiten? Darf ich etwas sagen? Würde ich der Perfektion einen Abbruch tun, wenn ich meine Eifersucht zeige? Ich ließ es und versuchte, ihre Spielchen zu ignorieren. Es war nicht das erste Mal. Aber offen gestanden, ich hatte immer munter mitgespielt.

Statt mich zu ihr zu setzen, ging ich, ohne sie eines Blickes zu würdigen, an den Platz meiner Freunde. „Was geht das bei Stella ab? Seid ihr nicht mehr zusammen?“, fragte mich einer von ihnen. Zwischen Zorn und Trauer war ich mir nicht sicher, wie ich reagieren sollte. Sagen, dass sie eine Schlampe ist und gerade alles hinschmeißt? Oder einfach sagen, dass wir eh nicht mehr zusammen sind? Ich entschied mich für zweiteres. Mein Stolz verlangte es. Betrogen zu werden, würde meinem öffentlichen Ruf nicht guttun, so dachte ich. Lieber Single sein und eine unausstehliche Ex haben – das schien okay für mich.

„Alter, die schmusen rum!“ Nachdem ich zuvor der Situation durch genügend Alkohol entfliehen konnte, wurde ich abrupt wieder zurückgerissen. Fuck – dachte ich mir. Das zu sehen, war das letzte, was ich heute erwartet hatte. Ich sah sie an. Sie warf mir einen sadistischen Blick entgegen, während sie auf seinem Schoß saß. Warum war sie so gehässig? Hatte ihr jemand erzählt, ich hätte gesagt, wir wären eh nicht mehr zusammen? Ich wusste es nicht. Ich sollte das auch nie erfahren.

Die Flucht nach vorne, anstatt es zu retten

Unsicherheiten waren das Leitmotiv unsere Liaison. So setzte sich das Spiel fort. Innerlich versuchte ich damit abzuschließen. Doch war sie mein einziger Halt. Wenn dieser also wegbrach, wo würde ich landen? Gefangen in der Entscheidungsunfähigkeit. Egal, was ich mache, es wäre schlecht für mich. Abbruch und Absturz. Oder daran festhalten und leiden. Beides klang so aussichtslos.

Da war also ein Loch, das gestopft werden musste. Ohne Rücksicht auf andere nahm ich das naheliegendste Mädchen, um mich abzulenken. Es waren drei Tage. Drei Tage, die alles zerstören sollten. Nach dem Wochenendausflug in die Arme einer anderen bekam ich eine Nachricht von Stella. Sie schrieb versöhnlich, ging auf mich zu und versuchte zu kitten, was zerbrochen war. Zuerst ignorierte ich sie. Dann überkam mich das schlechte Gewissen. Ich gestand, was ich getan hatte. Es erschien mir nur fair. Aber in mir drin schlummerte auch der Wunsch, es ihr unter die Nase zu reiben. Damit sie lernt. Damit sie sieht, wie schnell ich von ihr loskomme.

Arschloch. Das war das letzte Wort, das ich von ihr las. Keine Reaktion mehr. Ich schrieb ihr noch einige SMS, bis mein Guthaben verbraucht war. Ich bekam Panik. Weg waren alle Möglichkeiten, sie zu erreichen. Langsam realisierte ich, was ich angerichtet hatte. Chaos mit Chaos bekämpfen, Verletzung mit Verletzung. Was bleibt, ist wieder dieses Loch. Während ich langsam verstand, was das gerade bedeutet, fiel dieses erdrückende Gefühl über mich her. Ich konnte mich nicht wehren. Auch, weil sich Selbsthass dazugesellte. Klar, ich war hier der Schuldige. Ich hatte bewusst das Ende provoziert.

Eine gefährliche Kombination und der Weg hinaus

Da war der Gedanke wieder. Ich hatte gehofft, ihm nie wieder zu begegnen. Doch dieses Mal freute ich mich. Da war eine einfache Lösung. Ich grinste innerlich. Die Erkenntnis war so absurd und doch naheliegend. Wie hätte ein verdammter Vollidiot wie ich auch nur den kleinsten Funken recht auf Leben? Diese unendliche Leere gepaart mit der Unfähigkeit, auch nur eine scheiß Kleinigkeit im Leben einmal auf die Reihe zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, nur im Weg zu stehen. Mir und allen anderen. Der Gedanke war anders als beim ersten Mal. Da war nicht nur die Aussichtslosigkeit, die mich erdrückte. Denn dieses Mal wollte ich nicht nur mich selbst befreien, sondern auch alle anderen.

Am Morgen wartete ich, bis meine Mutter die Wohnung verlassen hatte. Mein Stiefvater war zu diesem Zeitpunkt wieder irgendwo, um sich irgendwas mit irgendwem einzuschmeißen. Aufgeregtes Suchen in den Schubladen meines Stiefvaters. Die Hoffnung, er hätte etwas hiergelassen. Ich wurde fündig. Etwas Angst hatte ich schon. Wird es wehtun? Mehr als die Leere und der Selbsthass es tun? Ich zögerte. Gedanken über das einfache Ende, das mir plötzlich so aufwändig erschien. Ich wollte einfach einen Knopf, auf den ich drücke, damit es vorbei ist. Doch das gibt es nicht.

Während ich in meinem Kopf die möglichen Szenarien des wenig würdevollen Abgangs durchspielte, dachte ich an meine Familie. Ganz speziell an meine Schwester. Ich schuldete ihr eine Erklärung. Auch meinem Schwager. Meiner Mutter nicht, aber ich empfand Mitleid mit ihr und wusste, das würde sie endgültig brechen. Das wollte ich nicht. Genug Schaden war durch mich entstanden. Da muss mein letzter Schritt nicht auch noch die Gefühlswelt anderer durcheinanderbringen.

Eine einfache Erklärung gab es nicht. Aber ein Abschiedsbrief, so dachte ich, würde es zumindest vereinfachen. So setzte ich an. Ich hatte einfach drauf losgeschrieben. „Ihr könnt nichts dafür. Ganz im Gegenteil!“ – der Punkt, auf den ich hinauswollte. Ich sah meine Schwester vor meinem inneren Auge, wie sie diesen Brief las. Meine Worte leicht verschwommen, weil ihre Tränen das Lesen unmöglich machten. Ich fühlte mich schuldig. Schuldig ihr gegenüber.  Dieses vermeintlich einfache Ende wäre nur für mich ein einfaches. Nicht aber für die, die mich liebten. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht verstand, warum sie mich liebten. Sie taten es. Und das machte mich zum Verbrecher, sollte ich ich so einfach verschwinden.

Fortsetzung folgt im dritten Teil

Es folgten nicht wenige weitere Male, an denen mich der Gedanke überkam. Doch da gab es diesen Brief. Ich hatte ihn aufgehoben, um immer wieder zu lesen und mich an das Gesicht meiner Schwester zu erinnern. Als ich mit mitte Zwanzig wieder einmal umgezogen war, verlor ich ihn. Die Erinnerungen und Worte blieben. Eine wichtige Erfahrung, denn so blieben spätere Gedanken nur Gedanken. Sie wurden nur noch einmal fast Wirklichkeit.

Welche Macht Liebe hat, konnte ich über die Jahre deutlich spüren. Bei meiner letzten Erfahrung sollte sie jedoch auf eine negative Art Einfluss nehmen. Denn nicht jede Form von Liebe ist gesund. Vielleicht ist sie dann keine Liebe. Das weiß ich nicht. Doch wer weiß das schon wirklich?