Es gibt eine Angst, die mich stets begleitet. Besiegen kann ich die Angst nicht. Doch mit dem, was mir so Angst bereitet, habe ich gelernt umzugehen. Viele Menschen machen diese Erfahrung, doch nicht alle wissen, wie sie damit umgehen sollen. Nicht jeder ist in Therapie. Nicht jeder hat die Chance zu lernen, weil es womöglich nach der ersten Erfahrung schon zu spät sein könnte. Deshalb teile ich sie. Obwohl ich darüber nicht gerne spreche. Obwohl ich mich wahnsinnig lange dafür geschämt habe. Verdrängung war mein Mittel, doch letztlich sind es die Erinnerungen an diese Situationen, die mich immer wieder retten. Ich hoffe, mit meinen Erinnerungen anderen Menschen, die diese Erfahrungen machen müssen, helfen zu können und jenen, die es nicht kennen, hoffe ich vermitteln zu können, warum sowas nicht stigmatisiert werden darf.

(Beginn im Jahr 2004 und zieht sich bis heute – *Namen frei erfunden, die Geschichten aber nicht) Aufwachen. Ich will nicht. Sogar das Atmen strengt mich an. Sehnsucht nach menschlichem Kontakt. Zugleich würde mich aber jeder Mensch gerade restlos überfordern. Nur der Gedanke daran macht mich schon aggressiv. Ich bleibe lieber liegen. Der Blick auf die Uhr. Ich sollte längst auf. Aber was bringt es? Was habe ich davon und was haben die anderen davon? Die anderen. Das ist der einzige Grund, warum ich es tue. Aufstehen – an solchen Tagen die zweitgrößte Herausforderung. Die drittgrößte ist es, bei besagten anderen die Leere zu unterdrücken. Und die größte Herausforderung – naja – die braucht mehrere Zeilen.

Niemand soll sie bemerken, diese Tage. Tage, an denen ich für die anderen nach außen hin fröhlich bin. Ich möchte niemanden verstimmen. Aber auch für mich selbst, um unangenehmen Fragen vorab aus dem Weg zu gehen. Denn sie würden überfordern. „Wie geht es dir?“ „Alles super“, meine Antwort. Wenn ich sage, alles wäre scheiße, gibt es drei Möglichkeiten. Erstens die nachfragende und interessierte Reaktion. „Warum, was ist los?“ Jede Erklärung kostet mich Energie. Sie würden es sowieso nicht verstehen. Denn wirklich einen Grund gibt es nicht. Es wäre verschwendete Energie. Dann ist da die verleugnende Reaktion. „Schau, ist doch eh alles super. Du hast einen coolen Job, ein geiles Leben und du bist gesund!“ Das mag schon sein, nichtsdestotrotz machen mein Hirn und mein Körper das mit mir. Nur ein Schlag ins Gesicht, den ich vermeiden kann.

Und die schlimmste von den dreien, die mitleidende Reaktion. „Fuck, das tut mir so wahnsinnig leid, ich kann das sowieso überhaupt nicht nachvollziehen, aber ich bin da für dich, wenn du was brauchst.“ Obwohl letztere die empathischste ist, zieht sie mich noch mehr runter. Außerdem will ich ja niemanden, der für mich da ist. Anstrengend. In Wirklichkeit sind alle drei scheiße. Alles ist scheiße. Deshalb möchte ich nicht auch noch scheiße sein. Stattdessen bin ich da. Es lenkt ab. Es tut gut. Für den Moment kommst du raus. Es bleibt dennoch ein Balanceakt und eine bestimmte Angst bleibt immer. Sie begleitet mich, seitdem ich das erste Mal an diese Sache gedacht habe. Ich bekomme Angst vor mir selbst, sogar wenn gerade keine Depression da ist. Sogar dann denke ich manchmal daran. Ich fürchte mich davor, dass die fehlende Angst davor zu gehen auch einmal dazu führt, dass ich wirklich gehe. Denn ein einziger Stoß reicht, um die Balance zu verlieren. Wenn ich erst einmal Falle, fällt es schwer, wieder in Balance zu kommen.

Das erste Mal

Ich kann mich noch genau an jedes Mal erinnern, als mir diese Gedanken kamen. Ich war 14. Es war 4 Monate nach meinem ersten Mal Sex. Damals erschien es mir zufällig, dass die zwei Ereignisse so nahe beieinanderliegen. Heute weiß ich, dass es zwischen den zwei Ereignissen einen Zusammenhang gibt. Es gab einen unangenehmen Vorfall als ich 13 war. Ein Vorfall, von dem meine gesamte Familie nichts weiß. Einer, von dem auch nur die wenigsten meiner Freunde wissen. Man schämt sich. Genau dieser Vorfall kam hoch, als ich das erste Mal mit einer Frau schlief – ein Trigger. Womöglich ist auch das der Grund, warum ich es beim Sex nicht geschafft hatte zu kommen. Ein weiteres Erlebnis, das mich prägen sollte.

Doch zurück zu meinem ersten Mal mit diesen bestimmten Gedanken. Eine Depression ist ein wahnsinnig fordernder Balanceakt. Es braucht Übung, ihn zu meistern. Damals war ich noch sehr ungeübt. Das bringt einem ja auch niemand bei. Es war anfangs stets der Zufall, der mich wieder in die Waage brachte. Oder mich zumindest davor bewahrte, im freien Fall den Versuch aufzugeben, in dieser endlosen Leere nach Halt zu suchen. Du findest ihn irgendwann. Doch bis du ihn findest, fällst du lange und tief. Es wirkt aussichtslos. Es war mein erster Fall, der so tief war. Kein Halt. Ich habe es nicht geschafft, meine Hände von meinem Körper zu nehmen und sie nach Rettung auszustrecken. Tränen drängten. Ich wollte sie nicht gehen lassen. Bereits Leere in mir. Was sollte denn noch alles hinaus?

Wenn ein guter Zufall einen schlechten eliminiert

Seit einer Woche spielte ich ernsthaft damit. Ich dachte, jeder Jugendliche würde daran denken. Anfangs nur ein Gedanke. Mit den Wochen wurde der Wunsch intensiver. Aus der reinen Neugierde wurden Vorsätze. Aus Vorsätzen wurden Pläne. Ab da begann ich zu verstehen, dass das nicht normal sei. Die Hilferufe waren zu leise, als dass mich jemand hören konnte. Einen Weg zurück in die Normalität fand ich nun auch nicht mehr. So lag ich in meinem Zimmer. Aus dem Plan wurde ein Entschluss. Plötzlich weg der Schmerz. All die Leere vollkommen egal. Viel eher ein Gefühl, endlich frei zu sein. Ich sah es auf einmal als Schicksalsfügung, dass es da diesen Mann im Leben meiner Mutter gab. Dieser Mann besaß Dinge. Mehr als ein Ding dieser Dinge würde mich wahrscheinlich für immer gehen lassen. Endlich frei. Doch sicherheitshalber mehr.

Der liebe Zufall brach herein. Meine Mutter kam nachts von der Arbeit. Ich dachte nicht, dass sie so früh kommt. Sie rief mich. Ich kam. Sie war fröhlich. Schon lange war sie nicht mehr so fröhlich. Ich war verwirrt und schämte mich auf einmal wahnsinnig für mein Vorhaben. Sagen wollte ich aber nichts. Auf keinen Fall. Plötzlich wieder da die Leere. Tränen versuchten, aus meinen Augen zu schießen. Ich unterdrückte sie. Ich wollte nicht, dass sie etwas merkt. Das Atmen fiel mir plötzlich schwer. „Ich bin saumüde, ich hau mich aufs Ohr“, sagte ich. Es ging auf einmal alles so schnell und da war der Halt – auch wenn er sich im ersten Moment nicht als solcher entpuppte. Ich konnte mich zwar nicht so an ihn klammern, dass der Fall vorbei war und fiel noch weiter. Aber nicht mehr so schnell. Und es war nicht mehr vollkommen schwarz um mich herum. Da war ein wenig Licht. Ich heulte. Tränen flossen wie nie zuvor, bis ich einschlief.

Am nächsten Morgen entsorgte ich diese Dinge, die mich für immer gehen lassen würden. Ein Streit zwischen meiner Mutter und meinem Stiefvater folgte, weil diese Dinge verschwunden waren. Sie sagte, er hätte sie genommen. Er leugnete – zu Recht. Sie kontrollierte ihn stets, damit er nicht zu viele dieser Dinge nimmt. Ich hatte Angst aufzufliegen. Aber sie kamen nicht auf mich.

Heute weiß ich, dass ich verdammt viel Glück hatte. Einerseits nicht aufzufliegen und andererseits, dass ich nicht gegangen bin. Das starke Schamgefühl bleibt bis heute. Ein Zeichen von Schwäche? In Wirklichkeit ist es das nicht. Auch das muss man lernen zu verstehen. Das erste war das schlimmste Mal und ist noch heute sehr prägend. Unerfahren war ich. Beim zweiten Mal hielten mich schon meine eigenen Gedanken davon ab, weil ich etwas machen wollte, woran ich beim ersten Mal nicht einmal dachte – eine Lektion, die ich später gezielt anwenden würde. Ich war gerade vor nicht allzu langer Zeit 17 geworden. Die Situation mit meiner Mutter und mir war schon wahnsinnig festgefahren, der neue Mann in ihrem Leben hatte sich endgültig eingenistet. Ich fragte mich: „Wie entkomme ich?“

Das zweite Mal

Das Verhältnis zu meiner Schwester und meinem Schwager war unglaublich gut geworden. Meine Mutter hasste ich zwar zu diesem Zeitpunkt, aber eine gewisse Form des Mitleides schwang mit. Diese Kombination sollte noch meine Rettung werden. Ich musste die 5. Klasse wiederholen. Wegen einer scheiß Sportverletzung und nicht, weil es wirklich nötig war. Ich fehlte wegen der Physiotherapie sehr oft und deshalb riet mir mein Klassenvorstand, das Schuljahr sicherheitshalber nochmals zu machen. Vorbei mit dem Sport und eine neue Klasse – das machte mir große Angst. Sport war zu diesem Zeitpunkt mein größter Ausgleich. Er brach weg. Schon seit Monaten konnte ich nichts mehr machen. Frust. Beklommenheit. Ziellos. Die Zeit verflog und das Gewicht auf meinen Schultern nahm stetig zu. Wahnsinniges Schweregefühl. Über Monate ließ es mich nicht los.

Eine lange Episode des Tiefs. Beinahe ein ganzes Jahr. Viel Schule geschwänzt. Viel Blödsinn getrieben. Die Situation zu Hause erschwerte diese Zeit zudem und plötzlich spitzte sich die Lage dort auch noch massiv zu. Das schmale Stück Etwas, das mich vom endlosen Abgrund trennte, bog sich stark. Es war absehbar, dass es bald wieder falle. Es war wohl nur eine Frage der Zeit. Als dann durch einen heftigen Vorfall zu Hause mit meiner Mutter und meinem Stiefvater noch mehr Welt auf meinen Schultern Platz nahm, wurde ich schlagartig zu schwer. Ein Bruch. Ich fiel. Erneut.

Doch als es dieses passierte, war es zum Glück Wochenende, so konnte ich meinen Sturz umlenken. Schon damals oft Alkohol. Oft Eskapaden. Die Jungs aus meiner alten Klasse waren auch immer da. In der Freizeit sah ich sie zum Glück noch. Wir saßen wie gewohnt in unserem Stammlokal, als da dieses Mädchen kam. Jeder von uns fand sie bombastisch. Blicke in ihre Richtung. Ich weiß nicht mehr, wer von den Jungs sie schon zuvor kannte, doch sie kam zu unserem Tisch. Ich spielte cool. Ignorierte sie. Ließ sie spüren, dass sie mich nicht sofort um den Finger wickelte.

In dem Alter funktionieren diese Spielchen noch sehr gut. Nur weniger Minuten später schnappte sie sich meine Kappe, setzte sich diese auf und ging zur Theke. Immer wieder der Blick zu mir. Provokant. Das gefiel mir. Weg die Ängste und die Leere. Sie füllte sie irgendwie. Ich ging hin zu ihr. „Ich brauch die Kappe.“, während ich sie tief anblickte, fügte ich noch hinzu: „Etwas später kannst du sie dir wieder holen.“ Hatte nicht lange gedauert und schon saß sie auf meinem Schoß. Jugendliches Rumgeknutsche. Ich verlor mich sofort in ihr. Sie sich auch in mir – angeblich. Durchgehend schreiben. Immer wieder Unternehmungen. Ein Anker in diesem Moment. Aber der einzige.

Fortsetzung im zweiten Akt.

Nachdem mir mittlerweile schon einige geschrieben haben und auch zum Teil Wünsche geäußert werden, ob ich mich mit diesem oder jenem Thema auseinandersetzen könnte, habe ich neben der wilden Woche auch erstmal eine zweite Reihe auf Eis gelegt. Denn die aktuelle hat einen größeren Nutzen für andere und ist eigentlich auch eine wunderbare Einleitung in den Abschluss der wilden Woche. Einzig möchte ich anmerken, dass ich alles, was ich sagen möchte, hier schreibe, weshalb ich es schätze, wenn zu den einzelnen Erfahrungen, die ich teile, keine detaillierten Fragen kommen. Zudem habe ich nicht immer die richtigen Antworten für euch. Ich ersetze keine PsychiaterInnen und PsychotherapeutInnen. Hierzu gebe ich gerne weiterhin Empfehlungen und Tipps, wie ihr zu sowas kommt. Dennoch unterhalte ich mich auch weiterhin gerne mit euch, höre zu bzw. lese, baue auf, teile Erfahrungen, nehme Scham.