Liebe kann ein grausames Spiel sein. Wenn du dich erstmal verrennst, findest du dich in einem Labyrinth aus Spiegeln wieder. Immer die eigenen Unvollkommenheiten vor Augen. Aber auch die Schwächen deines Gegenübers bezahlst du mit. Ich hatte gedacht, es wäre perfekt. Doch so langsam schlichen sich wieder Unebenheiten ein. Und ausgerechnet etwas, das als Bekundung absoluter Liebe gedacht war, riss mich wieder in das Loch. Wie sollte ich auch dieser Art von Druck standhalten?

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(Beginn im Jahr 2004 und zieht sich bis heute – *Namen frei erfunden, die Geschichten aber nicht) Wir hatten sehr viele Schritte sehr schnell getan. Teilweise aus Not heraus, teilweise aus Liebe. Nachdem wir unsere zweite gemeinsame Wohnung bezogen hatten, fanden wir auf eine erfrischende Art und Weise wieder zueinander. Zuvor war durch eine zu kleine Wohnung und zu wenig Raum zu viel Reibungsfläche entstanden. Streitigkeiten wegen Kleinigkeiten. Wie das eben so ist, wenn ein Paar auf engem Raum zusammenlebt. Doch manchmal überschritten wir die Grenzen des Normalen. Das hinterließ Spuren.

Das ganze Auf und Ab der letzten Monate begann jedoch langsam in Vergessenheit zu geraten. An seine Stelle trat trügerische Harmonie. Aber ich spürte schon, dass es nur ein Geschenk auf Zeit war. Ich kannte uns. Dennoch genoss ich diesen Zustand der Leichtigkeit. Nach einem Jahr Beziehung wieder wie frisch verliebt. So ein Tapetenwechsel kann der Liebe guttun, obwohl auch der Weg zum Tapetenwechsel nicht selten heftige Auseinandersetzungen hervorgerufen hatte. Aber letztlich kamen wir beide an. An einem Ort, den wir von nun an mit Überzeugung unser Zuhause nannten.

Gut gemeint ist nicht immer gut

Wir lagen auf der Couch. Es war einer dieser Abende, an denen du dich in den Worten deines Gegenübers verlierst. Eine jener Abende, wo du auf eine so intensive Weise spürst, warum du diesen Menschen liebst. Gemeinsam die Welt mit Worten erobern. Durch die Zeit reisen und sich intellektuell an jeder kleinsten Stelle seiner Seelen berühren. Wir blickten uns an und mussten grinsen. Ob der Leichtigkeit. Wegen dieser Intensität, die letztlich keiner Worte mehr bedarf. Stattdessen einfach nur da sein. Miteinander sein. Mit so starken Gefühlen, dass einem fast die Tränen aus den Augen schießen.

Nach einigen Minuten der Stille sagte sie: „Ich weiß nicht, ob ich noch leben wollen würde, wenn du stirbst.“, gefolgt von einer kurzen Pause. Nachdenklich saß sie da. „Ich würde mich selbst umbringen, glaub ich.“ Mein Herz begann heftig zu pochen. Aber nicht, weil es so romantisch war, was sie sagte. Sondern weil ich schlagartig vor meinem inneren Auge sah, was wir schon alles durchgemacht hatten und was womöglich noch auf uns zukommt. Da war Angst. Große Angst. Und eine Verantwortung, die ich nicht tragen wollte.

Ich versuchte, ihr diesen Gedanken auszureden. Sanft – glaube ich zumindest. „Ach, red doch sowas nicht. Darüber sollten wir nicht einmal nachdenken.“, entgegnete ich ihr. Aber sie wollte das nicht hören. Stattdessen Erklärungen, warum es nachvollziehbar sein müsste. Ich sah den guten Hintergedanken. Doch bereitete mir diese Aussage mehr Sorgen als Freude. Der Schaden war jedenfalls angerichtet.

Ein Monat später und die Erinnerung

Eine Trennung stand für mich wieder ernsthaft im Raum. Die Harmonie hatte nicht lange gehalten. Es war nicht nur unharmonisch, es war zu diesem Zeitpunkt für mich nicht mehr zu ertragen. Wieder viel passiert. Wieder weit entfernt. Diese Machtspielchen hatten rasch die Überhand gewonnen und eine Intensität erreicht, die für beide Tag um Tag schmerzliche Erfahrungen bedeuteten. Ich dachte nach. Über den Wert dieser Beziehung. Was mich noch bei ihr hält. Warum ich mir all das überhaupt noch antue.

Und da waren diese Worte. Die Worte der Verantwortung. Ich erinnerte mich zurück an unsere vorangegangene Trennung und wusste, dass die Realität nicht so weit entfernt war von diesen Worten. Okay, Selbstmord stand zwar damals nie im Raum. Doch spielten die Grenzen einer normalen Beziehung mittlerweile nur noch am weit entfernten Horizont eine kleine Rolle. Wir waren bereits zu weit davon entfernt, um zu wissen, was normal ist. Die meisten anderen Menschen hätten schon vor hunderten Kilometern schlussgemacht. Aber wir marschierten munter weiter.

Da war also die Angst, es zu beenden. Mit ihr. Ich empfand sie als unberechenbar. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. Angst vor tiefen psychischen und physischen Verletzungen. Angst vor stundenlangen Auseinandersetzungen, die mir die Luft zum Atmen rauben. Wie es eben immer war. Allein der Gedanke daran schnürte mir die Luft ab. Außerdem hatte ich mir erfolgreich einreden lassen, dass alles nur ein Fluchtreflex wäre und dass ich immer fliehen würde, egal vor wem. Vielleicht hatte sie ja Recht.

Eine ausweglose Situation

Über die Zeit der Beziehung lernte ich sie sehr gut kennen. Ihre Stärken, ihre Schwächen. Doch vor allem wusste ich eines. Ich war beinahe alles, was sie hatte. Viel gab es sonst nicht. Und sie – so glaube ich – hasste diese Abhängigkeit. Es führte auf jeden Fall zu starken Verlustängsten. Ich war auch nicht gerade glücklich damit. Viel zu tragen, wenn man mit ihr zusammen war. Zudem lebten wir gemeinsam in einer Wohnung – in Co-Abhängigkeit. Ich konnte einem ausufernden Konflikt also nicht aus dem Weg gehen. Es fühlte sich wie ein Gefängnis an. Zum Unglücklichsein verdammt.

Würde ich bleiben, müsste ich leiden. Würde ich gehen, müsste sie leiden und somit auch ich. Ich war mir nicht mehr sicher, was uns zusammenhielt. War es vielleicht sogar der Hass? Der ewige Kampf? Sicher war ich, dass es nicht sauber enden könne. Ich verfing mich in den Szenarien, die mein Kopf für mich bereithiel. Egal wie ich es drehte und wendete, ich kam da nicht unversehrt raus. Ich erkannte zum ersten Mal, wie krank diese Beziehung geworden war.

Wie gern wäre ich einfach gerannt. Ohne Ziel. So weit weg, dass ich das alles vergessen könnte. So weit weg, dass mich all das nicht mehr berühren würde. Doch sogar in diesem Szenario sah ich sie vor mir stehen. Ihre Worte von damals im Kopf. Wie sie mich ansieht. In meinen Gedanken sagt sie zu mir: „Ich hatte dich gewarnt.“ Ob sie das wirklich tun würde? Ich konnte mir nicht sicher sein.

Ausweglos, aber mit Kampfansage

Der Gedanke an ein erschreckend einfaches Ende kam hoch. Einfach gehen. Kein Stress, kein Streit, keine Verantwortung. Außerdem war da noch so viel anderes, dass mich fertig machte. Viele Fragen über mein Leben, auf die ich keine Antwort fand. Mit diesem Problem brach endgültig der Halt. Die Beziehung hatte schon länger das Ihrige getan, um den tiefen Fall vorzubereiten. Ich fand nur noch nicht das Wie.

Diese Frage sollte noch weit über die Beziehung eine Rolle spielen, wie sich erst ein Jahr später klar und deutlich zeigen würde.

Die Logik versucht manchmal, sich in den ungünstigsten Momenten einzumischen. Gerade jetzt hatte ich sie überhaupt nicht erwartet oder gebraucht. Aber sie warf mir eine berechtigte Frage auf. Wenn ich es auf diese einfache Weise beenden würde, würde sie es nicht erst recht auf dieselbe Art beenden? Egal wie, es nimmt stets dieses unvermeidliche Ende. Wie wahnsinnig rasten Ideen durch meinen Kopf, die ich vehement und mit Nachdruck wieder zu verwerfen versuchte. Aber eine davon kam immer wieder. Obwohl ich es schaffte, sie zu unterdrücken, hatte sie sich festgesetzt. Ohne, dass ich es merkte. Im Nachhinein betrachtet schaffte es diese Idee aber, sich nachhaltig in meinem Unterbewusstsein zu manifestieren.

Über die nächsten Monate betrieb ich Sabotage. Ich wollte, dass sie mich hasst. So sehr, dass sie mir niemals die Genugtuung geben würde, sich selbst das Leben zu nehmen. So sehr, dass sie die Verzweiflung und den Verlust rasch überwindet. Das blieb natürlich nicht ohne Reaktion. Ein offener Schlagabtausch. Wiederkehrende Verletzungen. Aufreißen alter Wunden. Doch die gewünschte Reaktion kam nicht. Sie blieb bei mir. Und damit auch eine große Menge Schmerz und Leid. Bei uns beiden.

Die Nachwehen eines unerbittlichen Kampfes

Kraftlos und ausgesaugt. Tage dauerte ein einziger Streit. Woche um Woche gefüllt mit einem Zerren an der Liebe und am Hass. Monate vergingen, während wir einander nichts anderes als Leid beschert hatten. Die kleinen Funken Hoffnung waren nur eine Verschnaufpause, die wir uns gegenseitig gönnten. Das hält ja sonst niemand aus. Aber dann war das Fass doch einmal übergelaufen. Ich schmiss es hin. Im Affekt. Nicht das erste Mal. Aber das erste Mal, dass sie mich nicht mehr halten konnte. Jedoch konnte auch ich mich nicht mehr halten. Nach der Trennung fiel ich. Nicht so schnell. Sondern langsam und subtil. Und erschreckend tief.

Zwei unterbewusste Vorsätze nahmen nun endgültig ihren Lauf. Das erschreckend einfache Ende mit der Frage nach dem Wie und die Sabotage. Statt diese in der Beziehung zu vollziehen, vollzog ich sie nun an mir selbst. Selbstzerstörungswahn. Das Wie wurde beantwortet. In einer Selbstaufgabe. Aber nicht diese Form der Selbstaufgabe, bei der man jemandem etwas Gutes tut. Nein – einfach so. Es war der Tod auf Raten.

Weil ich diese Form des Sterbens auf eine groteske Weise genoss, fand ich da auch nicht mehr hinaus. Natürlich gab es Höhepunkte und Euphorie. Doch die hielten nur für den Moment. Im nächsten war wieder das Loch und endlose Dunkelheit. Und mit jeder Woche trieb ich mich tiefer hinein, weil ich Dinge getan hatte, die mich all das für den Augenblick vergessen ließen. Das Verhalten forderte seinen Preis. Heftige Wochen folgten und endeten in einer ziemlich wilden Woche. Diese fand erst ein Ende, als ich dem Ursprung all dessen, was mich da hineinriss, wiederbegegnet war. Nochmal von vorne. Aber diese Mal mit dem Erfolg, dass sie mich hasste.   

In „Eine ziemlich wilde Woche“ findest du den Selbstzerstörungswahn.