Meine Freunde kennen es gut. Fabian ist mal wieder untergetaucht. Phasenweise scheine ich mich einfach nicht um die zwischenmenschlichen Beziehungen kümmern zu wollen. Dass ich mich mittlerweile gebessert habe, liegt daran, dass ich weiß, woran es liegt. Und auch daran, dass ich durch den Rückzug eine letzte Chance verpasst habe.

(Wiederkehrende Phasen mit dem Höhepunkt Anfang 2019) Es kommt immer wieder vor. Nicht erreichbar. Man hat lange nichts von mir gehört. Ich möchte nicht reden. Für was auch? Es strengt mich an, wenn ich nur daran denke, mich gerade erklären zu müssen. „Hey, wie geht’s, gestern gut heimgekommen?“ – die Nachricht ist 3 Tage alt. Eh zu spät. Von den Anrufen in Abwesenheit ganz zu schweigen. Dass irgendwann einer davon mein womöglich letztes Gespräch mit einem Menschen gewesen sein könnte – das kommt mir nicht in den Sinn.

Das Versteckspiel und die Täuschung

Es dauert zumeist nicht ewig lange. Aber zumindest eine Woche, in der ich mich verkrieche. Ich gehe meinem Job nach und schaffe es temporär meinen Missmut zu überdecken. Umso mehr falle ich deshalb abends in ein Loch. Vollkommen überfordert von den Dingen, die einem das Leben so Tag für Tag vor die Füße wirft. Aber ich muss es machen. Diese Dinge zumindest. Geld verdient sich eben nicht von alleine. Bei vielen Sachen aber kann ich ausweichen, weil sie nicht lebensnotwendig sind. Ich sage ausgemachte Treffen ab – erfinde manchmal Ausreden, weil ich Angst habe, dass die Leute mich nicht verstehen. Wiederum andere Nachrichten beantworte ich einfach überhaupt gar nicht.

Im November 2018 verstirbt meine Großmutter. Es war nur eine Frage der Zeit. Sie war nicht alt, aber sie war sehr krank. Dennoch erleide ich damit ein kleines Trauma. Eines, dass ich selbst lange nicht als solches gesehen habe. Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, sitzt es schon tief. Traumatische Erlebnisse haben bei mir den zusätzlichen Effekt, dass sie emotionale Extrema auslösen können. Vor allem, wenn ich mich und meine Gefühle selbst verleugne. In der Beziehung Liebe #2 kriselt es mit Lea. Ob es nur wegen des Todes meiner Großmutter so ist, wage ich zu bezweifeln. Die Probleme gibt es schon länger. Um 4 Uhr morgens nach dem Silvesterabend und einem heftigen Streit, weil Lea abhauen wollte, dann die erste von drei Trennungen des Jahres 2019.

Nächstes Trauma, nächste Flucht

Man möchte glauben, ein einschneidendes Erlebnis führt stets zu einem Down. In Wirklichkeit ist es nicht berechenbar. Es kann sogar sein, dass sich Auf und Abs mischen. Da wird es dann spannend. Nach der Trennung und dem emotionalen Wirrwarr, das mich gerade plagt, suche ich in einem Wechselspiel aus Selbstüberschätzung und Melancholie Zuflucht in Exzessen des Nachtlebens. Dadurch kann ich vergessen. Während ich einzig meinen beruflichen Verpflichtungen und den – nennen wir es mal – selbsttherapeutischen Ausflügen in die Partywelt nachgehe, bleibt wenig Zeit für anderes.

Nachdem ich zu Weihnachten nicht nach Kärnten gefahren bin, hat meine Mutter versucht, mich über die letzten zwei Wochen mehrmals zu erreichen. Zu Silvester gab es ein sehr kurzes Telefonat mit den obligatorischen „Guten Rutsch“– Wünschen. Damals wollte sie der Harmonie wegen nichts sagen, glaube ich. Aber jetzt hat sie wieder oft versucht, mich zu erreichen. Wahrscheinlich um sich weiter aufzuregen. Ich habe keine Lust auf Diskussionen. Außerdem möchte ich ihr nicht erklären, dass ich mich getrennt habe. Denn die Beziehung ist auch ein Grund, warum ich zu Weihnachten nicht gekommen bin. Zudem war sie kein großer Fan unserer Liebschaft. Zwei schwierige Menschen, die aufeinandertreffen – sie wusste schon, das geht nicht gut.  Zwei Wochen schiebe ich es hinaus. Bis es Freitag ist und ich wieder in das Nachtleben flüchte. Der Rückruf muss also bis Montag warten.

Unverhofft kommt oft

Das zweite Jänner- Wochenende. Seit Freitag bin ich wach und es wird langsam Zeit nach Hause zu gehen. Sonntag geht dann doch nicht mehr viel. Und morgen muss ich arbeiten. Nachdem der Club seine Pforten schließt und die Frau, die ich kennengelernt habe, mir das Mitgehen verwehrt, entschließe ich mich für den Heimweg. Zu Hause angekommen, blicke ich kurz in das ehemals gemeinsame Schlafzimmer. Wehmütig, aber noch von meiner Entscheidung überzeugt. Zum Glück ist Lea bei ihrer Familie, denn mich in diesem Zustand zu sehen, hätte sicher weiteren Streit gebracht. Genau aus diesem Grund, wegen solcher nächtlichen Ausflüge ihrerseits, habe ich mich ja von ihr getrennt. Käme nicht gut, wenn sie wüsste, dass ich es ihr jetzt gleich mache. Im Bett möchte ich nicht schlafen – zu viele Erinnerungen. Ich gehe ins Wohnzimmer und lege mich mit den Klamotten auf die Couch. Meine Augen fallen zu.

Als ich aufwache, habe ich unzählige Nachrichten und verpasste Anrufe – von meiner Schwester, meinem Schwager und auch von meiner mittlerweile Ex. Machen sie sich solche Sorgen um mich? Habe ich jetzt so lange geschlafen? Ist es etwa schon Montag? Ich versuche mich zu sammeln. Huch – zum Glück ist es noch Sonntag. Es waren nur vier Stunden. Erleichterung. Ich habe gedacht, dass ich die Arbeit verschlafen hätte. Ich lese mir all die Nachrichten durch. Komisch – scheinbar ist etwas passiert. Ich finde darin keine klaren Antworten. Mein Schwager schreibt: „Ruf deine Schwester an, es ist dringend.“ Also rufe ich sie an. Sie weint. Ich versteh es nicht. Sie sagt: „Die Mama.“, dann stoppt sie wieder und ringt nach Worten. Es schießt mir ein. Ich schließe kurz die Augen, hole tief Luft und versuche stark zu bleiben. Mit Klos im Hals und massivem Druck auf den Augen, die am liebsten explodieren würden, versuche ich sie zu beruhigen.

Selbstvorwürfe und temporäre Ohnmacht

Das Verhältnis zu meiner Mutter war ein schwieriges. Dennoch pack ich es nicht, dass sie nach zweitägigem abgängig Sein, das ich gar nicht mitbekommen habe, Tod aufgefunden wurde. 52 Jahre alt. Unmöglich. Zuletzt sind wir im Streit auseinandergegangen, weil wir darüber diskutiert haben, weshalb ich zu Weihnachten nicht nach Hause komme. Es wäre das letzte gemeinsame Weihnachten gewesen. Zum Weinen bin ich zu sehr von Hass erfüllt. Ich hasse mich selbst. Ich hasse die ganze Welt. Ich verstehe nichts. Mich selbst verstehe ich gerade am allerwenigsten. Was für ein Arschloch bin ich? Es war ihr Herz. Habe ich es gebrochen? Ich weiß es nicht. Viele Fragen.

Plötzlich klingelt das Handy wieder. Lea ruft an. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich abheben soll. Ich zögere. Ein weiterer Anruf. „Bist du daheim? Ich sitze schon im Bus nach Wien, bleib wo du bist!“ – gespaltene Gefühle. Alleine sein kann ich nicht. Mit ihr sein ist sehr riskant. Meine Gefühlswelt gerät ins Wanken. Als sie die Türe hineinkommt, gebe ich mich stark. Wir setzen uns zum Esstisch und reden. „Du darfst auch einmal weinen.“ – als sie das sagt, bricht es aus mir aus. Sie ist da für mich. Dafür bin ich dankbar. Egal was zuvor vorgefallen ist, das spielt in dem Moment keine Rolle.

Der Schlussakt und überstürzte Entscheidungen

Im Gefühlschaos fällt es mir nicht gerade leicht, meine Emotionen richtig zu deuten. Ich küsse Lea. Sie unterdrückt ihr weinen, ich spüre es. Es tut ihr weh, was ich mache. Aber sie erwidert meinen Kuss. Es kam in der Beziehung nicht sehr oft vor, dass sie sich völlig selbstlos gibt. Aber jetzt tut sie es. Während ich sie weiter küsse, stehe ich auf. Nachdem ich sie dazu bewegt habe, das ebenso zu tun, geht alles recht schnell. Ich ziehe sie aus und bewege mich mit ihr heftig küssend in Richtung Schlafzimmer. Unterwegs lassen wir alle Hüllen fallen. Ihr Körper ist meine Zuflucht. Noch nie hatte ich ein derartig starkes Verlangen danach.

Wie ein Vulkanausbruch überkommt mich eine Mischung aus Egowahn und Lust nach Sinnlichkeit. Wir schlafen miteinander. Ich jage einem Dopaminrausch nach. Mit aller Kraft. Wieder Flucht nach vorne. Ob das so gut ist?Nicht wirklich. Denn bevor ich mit Lea im Bett landete, ist mir die Idee gekommen, es nochmal mit ihr zu versuchen. Rückblickend war es egoistisch und dumm. Es war überstürzt und nicht durchdacht. Aber in dem Moment war es gut so. Dass es unter diesen Umständen nicht lange halten würde, war klar. Obwohl wir beide keine Kraft mehr hatten, entschieden wir uns dazu – aus unterschiedlichen Motiven. Es waren jedenfalls die falschen.